Was uns das Baseball-Spiel über Segen und Fluch von Benchmarking lehren kann
Echte Schlägertypen sind rar

Im Baseball gab es sie wirklich, die guten alten Zeiten. Noch in den 30er- Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es Schläger, die 40 % aller Ballchancen nutzten. Sie wurden als „.400 Hitter“ gepriesen und galten als Modellathleten.

Solche Kerle gibt es heute nicht mehr – Ted Williams war 1941 der letzte, der derart erfolgreich den Schläger schwang. „Die Jungs sind eben faul geworden, haben nicht mehr die richtige Leidenschaft und Motivation, so gut zu spielen, verwöhnte Kerle eben“, nörgeln seither die Baseballkenner.

Ein weniger emotionales Argumente für die Schwäche der aktiven Hitter lautet: Der Spielstil in der Baseball-Liga hat sich so verändert, dass diese Schlagzahl einfach nicht mehr zu schaffen ist.

Stephen Jay Gould, als Paläontologe und Zoologe der Harvard Universität Experte für Fossilien, hat eine eigene Begründung dafür: Er vergleicht den Sport mit der Evolution.

Über Mutationen probiert die Natur sich ständig aus: Genetische Variationen erlauben die buntesten Entwicklungen. Jede neue Entwicklung scheint die Grenzen des Möglichen auszutesten. Ein paar von ihnen überleben gut in ihrer Umgebung, andere nicht und viele sterben wieder aus.

So kappt die Evolution auf die Dauer regelmäßig die Extreme einer Neuentwicklung: Im Zeitverlauf nehmen die Variationen wieder ab. Je regulierter und standardisierter ein System, desto schmaler seine Varianz. Auf Baseball übertragen heißt das: Der Forscher glaubt, das Verschwinden der Super-Hitter könnte eine Folge der Standardisierung sein, die mit der Professionalisierung des Spiels einher ging.

Als das Spiel noch jung war, hatten die Trainer der Nachwuchsspieler noch keine sonderlich ausgefeilten Methoden. Damals gab es noch nicht für alles eine „best practice“. Wenn sie fit waren und kampffreudig, dann konnten die Sportler weitgehend machen, was sie wollten – und manche taten dann eben das Unmögliche.

Heute hingegen gibt es für alles Regeln und Methoden. Durch sie steigt insgesamt der Standard in der Liga, das durchschnittliche Leistungsniveau wird angehoben – aber die absoluten Ausnahmeleistungen sind dadurch verschwunden.

Der Mann wäre kein Harvard-Forscher, wenn er zu seiner These nicht auch die Daten gesammelt hätte. Er verglich über Jahrzehnte die Ergebnisse der jeweils fünf besten und fünf schlechtesten Spieler mit dem Durchschnitt in der Liga. Das Resultat verblüfft: Über die Jahrzehnte wurden die Schlechtesten immer besser und die Besten immer schlechter, die Ergebnisse nähern sich von oben und unten dem Mittelwert.

Goulds kam zu dem Schluss: Baseball ist zu einer Wissenschaft geworden, das Spielerische am Spiel ist dahin. Es gibt nur noch wenig Raum für die Meisterleistungen der Vergangenheit – auch wenn Baseball seit den 40er-Jahren vielleicht sogar eleganter und schöner geworden sein mag.

Nachzulesen: Losing the Edge – The Extinction of the .400 hitter, Stephen Jay Gould: Vanity Fair, 3/1983.

Fazit: Bolko von Oetinger

„Benchmarking kann gefährlich sein: Wenn alle in einer Branche bemüht sind, hocheffizient das Gleiche zu tun, werden sie das Gewinnniveau der Branche gemeinschaftlich herunterfahren, gemeinschaftlich ihre schlechte Situation beklagen und gemeinschaftlich im Verband traurig feststellen, dass es schon lange keine positiven Ausreißer mehr gegeben hat. Leider haben sie recht, diese Spitzenjahre wird es auch nicht mehr geben – es sei denn, es wagt einer, die Spielregeln zu brechen. Es ist immer ein Außenseiter, der sich nicht um die Regeln schert und dafür die Gewinne alleine einfährt.“

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