Web-Branche
Der Pate des Silicon Valley

Wenn Peter Thiel spricht, schweigt die Internetszene. Der in Deutschland geborene Großinvestor gehört zu den am meisten bewunderten Managern der Branche.
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SAN FRANCISCO.Es gibt diese T-Shirts, denen sieht man an, dass Designer viel Geld und Handarbeit investiert haben, nur damit sie abgerissen und viel getragen aussehen. Peter Thiel mag solche Hemden anscheinend, denn oft sieht man ihn solche tragen.

Obwohl: Das Wort "oft" ist falsch gewählt, denn Peter Thiel scheut öffentliche Auftritte. Auf der Straße würden ihn die meisten wohl für einen kantigen, gut trainierten 41-Jährigen mit kurzen, dunklen Haaren und einer Vorliebe für T-Shirts mit jener teuren Abgewetztheit halten. Nur Kenner wissen, dass dort einer der einflussreichsten Investoren der Internetszene geht - und einer der am meisten bewunderten Bewohner des Silicon Valley.

Wie wichtig Thiel ist, zeigt sich auf den wenigen Konferenzen, auf denen er spricht. Jüngst, beim Branchentreff Techcrunch 50 in San Francisco, begnügten sich selbst bekannte Namen der Web-Szene wie Youtube-Gründer Chad Hurley mit Sitzplätzen auf dem Boden, um Thiel zu hören.

Der kennt seinen Status und gibt sich so cool, dass die Raumtemperatur zu sinken scheint. Dann sagt er Sätze, die nicht viele wagen würden: "Klar, Google und Yahoo gehören derzeit zu den am günstigsten bewerteten Unternehmen der USA." Dabei sind die Aktien der beiden Web-Konzerne nach herkömmlichen Kriterien an der Börse alles andere als billig. Woran er Unternehmen erkennt, in die es sich zu investieren lohne? "Je niedriger das Gehalt des Vorstandschefs, desto höher die Wahrscheinlichkeit des Misserfolgs." Wenn schon der Boss mies bezahlt werde, argumentiert Thiel, dann seien die Mitarbeiter sicherlich erst recht nicht motiviert.

Fast stoisch sitzt er da, das linke Bein breit über das rechte gelegt, den Kopf leicht in Richtung des Fragestellers geneigt. Zurückhaltend sind seine Fingerbewegungen, große Gesten vermeidet er. Und trotzdem strahlt Thiel Energie aus. Präsenz. Macht. Ja, und natürlich auch Geld. Sechs Milliarden Euro schwer ist sein Hedge-Fonds Clarium Capital, auf 275 Millionen bringt es sein Risikokapital-Vehikel Founders-Fund. Gern stemmt er sich damit gegen die Moden der Kapitalszene. "Ich will Trends setzen, nicht ihnen folgen", sagt er. Auch die Kreditkrise bereitet ihm keine Sorgen: "Wir haben im Internetbereich keine neue Blase, denn es gibt keine Börsengänge."

Begonnen hat alles mit Paypal. Thiel war Anwalt, hatte aber keine Lust mehr auf den Job. Mit seinen Ersparnissen gründete er einen winzigen Venture-Capital-Fonds. Doch der junge Student Max Levchin mit seiner Idee eines Online-Bezahldienstes gefiel ihm - Thiel wurde CEO von Paypal.

Das war 1996. Die Firma überstand unter größten Schwierigkeiten das Platzen der Web-Blase. 2002, im depressivsten Jahr der Branche, brachte er die Firma an die Börse. Ein paar Monate später kaufte das Auktionshaus Ebay das Unternehmen für 1,5 Milliarden Dollar. Thiel dürfte davon rund 55 Millionen bekommen haben.

Ihm blieb mehr als das Startkapital für eine Investoren-Karriere. Wichtiger waren die Kontakte. Schnell machte der Begriff der "Paypal-Mafia" die Runde. Gemeint war eine Gruppe von Ex-Mitarbeitern, die sich als Netzwerk gegenseitig zum Erfolg verhalfen. Und wenn man dieses Wort Mafia schon für ein Netzwerk wählt, so muss man Thiel wohl den Titel "Pate" verleihen.

Seinem ehemaligen Mitarbeiter Jeff Skoll finanzierte er Hollywood-Filme, darunter der hochgelobte Streifen "Thank you for smoking". David Sacks, der ehemalige Chief Operating Officer von Paypal, begrüßte Thiel als Investor beim Online-Stammbaum-Dienst Geni, auch die sehr erfolgreichen Gelben Web-Seiten Yelp wurden von Paypal- Aussteigern gegründet und von Thiel finanziert. Levchin holte für den Bilderdienst Slide den Founders-Fund an Bord. Die Autorin Sarah Lacey erklärt in ihrem Buch über die Web2.0-Szene den Zusammenhalt dieser Gruppe so: "Die Paypal-Mannschaft hat eine andere Wahrnehmung des Absturzes der Internetbranche. Sie haben es durchgestanden, und es war nicht leicht." Gegenseitig schaufeln sie sich nun Ideen und Kapital zu.

Thiels vielleicht größtes Geschäft hat ihm bisher noch kein Bargeld gebracht. Für 500 000 Dollar übernahm er 2004 17 Prozent am Online-Netzwerk Facebook. Heute ist es das größte der Welt und wurde zwischenzeitlich mit 15 Milliarden Dollar bewertet. Kein Wunder also, dass fast jeder Gründer im Silicon Valley ihn gerne als Finanzier hätte. Niemand aber will sich damit zitieren lassen: "Peter mag so etwas nicht", sagt einer.

Was aber mag der in Frankfurt geborene und in den USA aufgewachsene Thiel eigentlich? So recht weiß das niemand. Angeblich liefert er sich mit Levchin gelegentlich nächtliche Sportwagen-Rennen auf dem Highway. Ohnehin soll er alle Arten von Wettbewerb lieben. Ansonsten fährt er jeden Morgen von seinem riesigen Haus in San Francisco in sein Büro in der Stadt, beide sollen voll gestopft sein mit Büchern und Schachbrettern. Letztere bräuchte er eigentlich nicht - Thiel ist ein Meister im Blind-Schach, also dem Spielen im Kopf, ohne Brett, ohne Figuren.

Dieses strategisch geschulte Denken macht ihn zum beliebten Gesprächspartner, wenn es um größere Zusammenhänge geht. Richtig in Rage redet er sich, wenn es um die wirtschaftliche Lage der USA geht - trotz seiner Vorliebe für die regierenden Republikaner: "Wir haben im Laufe der Jahre eine Reihe merkwürdiger Blasen geschaffen, erst die Tech-Blase, dann die Immobilienblase und die Finanzblase. Die Tech-Blase hat uns um 10 Jahre zurückgeworfen, wir könnten sehr viel weiter sein."

Dann geht er von der Bühne der Techcrunch 50 ab - und verschwindet flott aus dem Hinterausgang. Einzelne versuchen, ihm nachzueilen, in der Hoffnung auf einen Kontakt. Thiel aber ist der einzige Redner des Kongresses, der unerreichbar bleibt.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter

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