Wechsel im Aufsichtsrat
Frankfurter Börse gewinnt einen Querdenker

Der Schweizer Privatbankier Konrad Hummler soll neues Mitglied des Aufsichtsgremiums der Deutschen Börse in Frankfurt werden. Er könnte im Herbst seine neue Aufgabe übernehmen und im Aufsichtsrat das unabhängige Modell seiner Zürcher Heimatbörse verteidigen.

ZÜRICH. Im Aufsichtsrat der Deutschen Börse tritt Konrad Hummler voraussichtlich die Nachfolge des Briten David Andrews an, bestätigte ein Sprecher der Börse. Andrews war im vergangenen Monat ausgeschieden. In der Schweiz gilt Hummler, der geschäftsführender Teilhaber der St. Galler Privatbank Wegelin & Co. ist, als vehementer Verfechter eines unabhängigen Schweizer Finanzplatzes. Er könnte einen Gegenpol zu seinem Landsmann und Chef der Deutschen Börse Reto Francioni bilden, dem Kaufinteresse an der Börse in Zürich nachgesagt wird, vermuten Börsianer.

Der 53-Jährige ist einer der umtriebigsten Privatbankiers in der Schweiz. In dem Land sorgte er einst für Furore, als er eine Art Ablasshandel fürs Bankgeheimnis vorschlug: Drei bis vier Mrd. Euro solle das Land der EU überweisen und im Gegenzug dafür sein Bankgeheimnis dauerhaft behalten können. „Das wäre verkraftbar“, glaubt Hummler. Deutschland hält er in einem Gespräch mit dem Handelsblatt für ein Gesellschaftsmodell, „das sich so sehr in seinen Privilegien verheddert hat, dass es sich ändern muss oder bankrott gehen wird.“ Profitiert seine Bank, die umgerechnet mehr als zehn Mrd. Euro an Kundengeld betreut, davon? „Wenn wir von Agonie profitierten, hätten wir ein ethisches Problem“, antwortet er.

Wenn Hummler von „wir“ spricht, ist er selbst betroffen. Das ist so Sitte bei einem der wenigen echten Schweizer Privatbankiers, der mit dem eigenen Vermögen für mögliche Verluste der Bank und ihrer Kunden einsteht und zum Ausgleich keinem Aktionär und keinem Verwaltungsrat Rechenschaft ablegen muss und damit „keinem Moloch, der sich vorwärts wälzt und Leute mit Ideen Querdenker nennt“, wie Hummler es ausdrückt.

In den zahlreichen Ämtern, die Hummler bereits bekleidet, sorgt er dafür, dass er sich mit seinen oft ungewöhnlichen Einfällen Gehör verschafft: im Verwaltungsrat der „Neuen Zürcher Zeitung“ zum Beispiel. Oder als Bankrat der Schweizerischen Nationalbank.

Als Mitglied des Aufsichtsgremiums der Schweizerischen Bankiervereinigung ist er irgendwann zurückgetreten, was ihm Aufsehen einbrachte. Ihn störte, dass die Bankiervereinigung das Schengen-Abkommen befürwortete, in dem europäische Länder auf Grenzkontrollen verzichteten. Hummler hält nichts vom grenzenlosen Europa.

In den 14 Jahren seines Wirkens bei der eigenen Bank hat er die Zahl der Mitarbeiter von 30 auf rund 250 und die Summe der verwalteten Vermögen von „deutlich unter einer Milliarde“ auf eben mehr als zehn Mrd. Euro erhöht. Als Autor eines regelmäßig erscheinenden, von 15 000 Abonnenten bestellten Anlagekommentars hat er international Renommee erworben.

Sein Volk teilt er ein in die Befürworter eines EU-Beitritts und in die „Abschotter“. Und er klagt darüber, dass die Mitte wie immer keine klare Vorstellung habe. Deshalb, so seine Idee, soll die Schweiz als europäischer Stadtstaat mehr als bisher Standort für globale Konzerne werden. Dazu gehört auch ein eigener unabhängiger Börsenplatz, für den er sich in seiner neuen Funktion stark machen dürfte.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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