Weibliche Vorbilder
Frauen suchen die Miss Perfect

In den so genannten Seven-Sisters-Hochschulen, Eliteuniversitäten speziell für Frauen, fördern die Amerikaner ihre höheren Töchter seit Jahrzehnten. Nach dem Motto: Ihr könnt alles erreichen wie die Männer. In Deutschland fehlt diese Tradition.

DÜSSELDORF. Frauen, die über 100 000 Euro im Jahr verdienen, sind in Deutschland rar gesät. 43 Prozent von den wenigen, die ein solch stolzes Einkommen nach Hause tragen, haben eine Mutter, die bereits selbst schon im Beruf erfolgreich war. Eine Mutter also, die sich neben der Familienarbeit auch noch als leitende Angestellte, Beamtin im gehobenen Dienst, selbstständige Handwerkerin, Unternehmerin oder Freiberuflerin engagierte. Weitere 14 Prozent der Großverdienerinnen hierzulande haben eine Mutter, die Arbeiterin, einfache Angestellte oder Beamtin war. Nur 14 Prozent der Hochverdiener-Frauen stammen aus einer Familie, in der die Mutter nicht erwerbstätig war und sich voll auf Mann und Kinder konzentrierte. Zum Vergleich: 64 Prozent der männlichen Großverdiener haben eine Hausfrau zur Mutter.

„Das Vorbild der Mutter kann für den finanziellen Erfolg von Frauen sehr entscheidend sein“, urteilt Sonja Bischoff, BWL-Professorin an der Universität Hamburg. Die Autorin („Wer führt in (die) Zukunft?“ , W. Bertelsmann-Verlag) befragte Männer und Frauen in Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft und fand heraus: „Fast jeder erfolgreiche Mann hat auch einen erfolgreichen Vater. Karriere-Frauen haben oft gleich zwei erfolgreiche Elternteile.“

Eine glückliche Kindheit trotz erwerbstätiger Mutter erlebt zu haben, hilft Frauen offensichtlich, mit den Vorurteilen fertig zu werden, die ihnen neidische Schwiegermütter und männliche Kollegen berufstätigen Müttern oft entgegenbringen. Denn: Die Großverdienerinnen, die Bischoff befragt hat, sind keineswegs allesamt kinderlose Karrierefrauen. Rund die Hälfte von ihnen hat Familie. Das Problem in Deutschland: Frauen mit karriereerfahrenen Müttern sind unterm Strich noch selten und erfolgreiche Managerinnen verfahren gerade in jüngster Zeit lieber nach dem Motto „Karriere macht man, aber man spricht nicht drüber“, um durch zu intensive Berichterstattung ihren Konkurrenten in den Unternehmen nicht noch mehr Angriffsfläche zu bieten. „Dabei können junge Frauen gerade jetzt Vorbilder gut gebrauchen, die ihnen Mut machen, den Spagat zwischen Beruf und Familie, zu wagen“, meint Martina Rißmann, Partnerin der Unternehmensberatung Boston Consulting Group in Berlin. „Ein BWL-Student muss nur die Wirtschaftsmagazine aufschlagen, um Vorbilder zu finden, denen er nacheifern kann. Auf weibliche Protagonisten trifft man in der Presse nur selten.“

In Deutschland fehlt zudem die Tradition von Eliteuniversitäten speziell für Frauen wie es sie an der Ostküste der USA gibt. In den so genannten Seven-Sisters-Hochschulen fördern die Amerikaner ihre höheren Töchter seit Jahrzehnten. Nach dem Motto: Ihr könnt alles erreichen wie die Männer. Berühmte Absolventinnen dieser Colleges sind Hillary Clinton, Madeleine Albright, Meryl Streep, Jacky Kennedy, Martha Stewart und Margaret Atwood, die in jungen Jahren hier Netzwerke aufbauen konnten, die ihnen später die Berühmtheit brachten.



» MBA-Newsletter:


Alle 14 Tage die neuesten Nachrichten


aus den wichtigsten Business Schools



„Die Amerikanerinnen haben uns 40 Jahre voraus in der Selbstverständlichkeit, mit der jungen Frauen in dem Glauben erzogen werden, Jungen absolut gleichwertig zu sein“, stellt Autorin Barbara Bierach („Oben Ohne – Warum es keine Frauen in unseren Chefetagen gibt“, Econ-Verlag) fest. Hinzu kommt: In Deutschland gibt es einfach zu wenig Foren, in denen erfolgreiche Frauen aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Kultur jungen weiblichen Nachwuchstalenten, das Erfahrungswissen weitergeben könnten, dass ihnen persönlich geholfen hat, ihren Weg auf der Karriereleiter zu meistern. Wissen zum Beispiel darum, wie man Anfeindungen abprallen lässt, wie man mit Kinderfrauen am besten umgeht, wo man wirklich die wichtigen Leute trifft, wie Karrieren sich strategisch planen lassen und wie man mit sich selbst ins Reine kommt, wenn die Dinge zu Hause und im Beruf mal nicht glatt laufen.

Es fehlen Berichte um Vorbilder wie die der als Barbara Thomas geborenen Lady Judge, die es als Juristin und Finanzexpertin an die Spitze der US-Börsenaufsicht SEC schaffte und heute Chefin der britischen Atombehörde ist. Als die in Großbritannien lebende Anwältin merkte, dass ihr Sohn in der Schule nicht klar kam – er war Legastheniker – , nahm sie sich wie selbstverständlich eine Auszeit. Um ihm beizustehen und später, als er Fuß gefasst hatte, in ihren Managementjob zurückzukehren. Eine mütterliche Aktion, die zeigt, dass auch hartgesottene Karrierefrauen Herz haben und – wenn es sein muss – , Prioritäten zu setzen wissen, dafür aber nicht gleich auf dem Abstellgleis landen. Nur solche Vorbilder können die Schwarz-weiß-Malerei, die beim Thema berufstätige Frauen, gern betrieben wird, relativieren.

Doch Eins können sich Frauen von Männern abgucken: Den pragmatischeren Umgang mit Vorbildern. Frauen wählen ihre Vorbilder nach dem Mister-Right- und Miss-Perfect-Prinzip aus, fand die Unternehmensberatung Accenture bei einer weltweiten Umfrage Führungskräften heraus. Quasi als Leitfigur fürs ganze Leben. Männer dagegen suchen sich Vorbilder für den jeweiligen Lebensabschnitt. Sie stellen weniger hohe Ansprüche, fordern nicht, dass ein Vorbild in allen Bereichen punkten muss, sondern knüpfen an konkrete Lebensumstände an. Sie haben also Vorbilder, die ihnen irgendetwas voraus haben, was ihnen im Hier und Jetzt gerade nützlich sein kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%