Weltspitze: Das Phänomen Compliance – Notwendig oder überflüssig?

Weltspitze
Das Phänomen Compliance – Notwendig oder überflüssig?

Handelsblatt Online bietet Ihnen mit der Serie "Weltspitze - wie Deutsche international Erfolg haben" praktische Hilfe: Jeden Montag präsentiert der Internationalisierungsberater und Buchautor Sergey Frank eine Kolumne zu dem Thema, wie Unternehmer im Ausland Geld verdienen können. Heute geht es um das Phänomen Compliance.
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Parallel zur weltweiten Finanzkrise ist vor allem in Europa und den USA, aber auch in anderen Ländern im Zusammenhang mit der neu gedachten Corporate Social Responsibility ein weiteres Phänomen relevant geworden: Compliance. Da das Thema inzwischen zunehmend an Bedeutung gewinnt, sollen die nächsten drei Artikel als Miniserie innerhalb unserer "Weltspitze"-Kolumne dazu dienen, den Aspekt der Compliance, die Frage nach ihrer Notwendigkeit und ihrer wirksamen Einführung sowie ihres nachhaltigen Einsatzes näher zu beleuchten. Für das allgemeine Verständnis ist es dabei zunächst notwendig, die Begrifflichkeit zu klären.

Was eigentlich ist Compliance?

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Bereich der Medizin, wo Compliance die Befolgung der ärztlichen Anweisung durch den Patienten beschrieb. Im unternehmerischen Sinn versteht man darunter heute meist das Einhalten von Vorschriften in Form von externen und internen Regeln. Hiermit sind sowohl öffentliche Gesetze als auch firmeninterne Vorschriften gemeint. Der Begriff Compliance definiert also das korrekte Verhalten eines Unternehmens und aller Mitarbeiter in rechtlicher, aber auch ethischer Hinsicht. Damit ist der Begriff viel weiter als die Summe einer Vielzahl neu eingeführter Gesetze zu verstehen. Folgendes Beispiel macht die Situation deutlich:

Ein deutsches mittelständisches Maschinenbauunternehmen entscheidet sich, auf dem osteuropäischen Markt tätig zu werden. Das Unternehmen ist seit vielen Jahren in Familienbesitz und ist stolz darauf, als besonders vertrauensvoller Partner am Markt bekannt zu sein. Bei der Gründung der osteuropäischen Tochtergesellschaft begegnet das Unternehmen jedoch bürokratischen Hürden. Der Antrag auf eine erforderliche Lizenz für die Tätigkeit des Unternehmens wird mehrmals aus formalistischen Gründen abgelehnt. Die Arbeitserlaubnis für die deutschen Mitarbeiter wird nicht rechtzeitig erteilt, wodurch sich anstehende Projekte erheblich verzögern. Zudem gestalten sich die Mietvertragsverhandlungen schwierig, weil die Tochtergesellschaft noch nicht gegründet ist. Zu allem Überfluss liegen die erforderlichen Lieferungen aus unerfindlichen Gründen beim Zoll gelagert.

Das Management ist sich bewusst, dass die Verzögerungen die Kosten für das Projekt deutlich erhöhen. Daher stellt es Überlegungen an, inwieweit man die aufgetretenen Probleme umgehen könne. Muss man unbedingt alle bürokratischen Regeln einhalten? Die Mitarbeiter könnten doch auch in einem ersten Schritt über ein Touristenvisum einreisen, die ersten Tätigkeiten ließen sich unter Umständen auch ohne die Lizenz durchführen und die Probleme mit dem Zoll könne man sicher auch anders klären?

Da das Maschinenbauunternehmen stark nach Compliance-Grundsätzen handelt, würde es in diesem Fall nur solche Problemlösungen diskutieren, die im Einklang mit den geltenden Regeln stehen. Danach wäre es ausgeschlossen, die Mitarbeiter mit einem Touristenvisum einreisen oder bereits ohne eine erforderliche Lizenz tätig werden zu lassen. Selbst wenn es sich hierbei nur um "vorläufige" Verstöße handeln sollte und die Lizenz lediglich noch nicht erhalten aber bereits beantragt wurde, verbietet Compliance solche Maßnahmen.

Altbekannt oder unerlässlich?

Als Entscheidungsträger kennt man diese Situationen nur zu gut: Häufig werden die gleichen Themen lediglich unter neuem Namen als innovative Errungenschaft verkauft. Unter einem von Medienlandschaft und Gesellschaft getriebenem Hype muss man als Unternehmen entscheiden, ob man "auf den Zug aufspringen" sollte, um eine wichtige Entwicklung nicht zu verpassen, oder ob es sich in diesem Fall um einen zu vernachlässigenden Trend handelt.

Diese Frage stellt sich Entscheidungsträgern von heute auch, wenn sie mit dem Schlagwort Compliance konfrontiert werden. Sie müssen kritisch beleuchten, ob es sich hier um mehr als nur ein Modewort, um eine Neubezeichnung altbekannter Unternehmensvorgänge, handelt, oder ob die Compliance in heutiger Zeit ein unerlässliches Instrument für den Erfolg eines Unternehmens ist.

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