Wenig Existenzgründungen
Deutschland fehlt der Unternehmergeist

Die Zahl der Unternehmensgründungen ist nach einem kurzen Zwischenhoch wieder rückläufig. Der Grund dafür ist eigentlich ein erfreulicher. Doch im internationalen Vergleich ist dieser Mangel an jungen, kreativen Firmen ein klarer Nachteil für den Wirtschaftsraum Deutschland.

DÜSSELDORF. Christian Keun-André ist alles andere als ein Trendsetter. Der 36-jährige Ingenieur hat im vergangenen Jahr den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und ein Unternehmen gegründet: CompriseTec. Heute produziert und verkauft er ein "Abfallprodukt meiner Doktorarbeit": Handläufe für Fahrtreppen. Anders als die herkömmlichen schwarzen seien seine Kunststoff-Handläufe "bunt, leicht zu reinigen, brauchen weniger Antriebsenergie und haben eine längere Lebensdauer". Keuns größter Kunde: Thyssen-Krupp.

Einen "risikoreichen Schritt" nennt der Unternehmer die Aufgabe seines alten Angestelltenverhältnisses. Das Risiko "Selbstständigkeit " scheint den meisten Deutschen noch immer zu groß: Die ohnehin wenig ausgeprägte Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland ist 2006 wieder gesunken: 4,2 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 64 Jahren waren willens, ein Unternehmen zu gründen oder haben es vor weniger als dreieinhalb Jahren bereits getan. Ein Jahr zuvor lag die Quote noch bei 5,4 Prozent und war erstmals seit vier Jahren gestiegen. Im internationalen Vergleich unter 42 Ländern belegt Deutschland nur Platz 37.

Dies ist das Ergebnis des jüngsten Länderberichts des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), einer jährlich erscheinenden Vergleichsstudie. Wissenschaftler aus 42 Ländern haben im vergangenen Jahr mehr als 156 000 Haushalte und über 1 300 Gründungsexperten wie Banker befragt, davon mehr als 4 000 Haushalte sowie rund 70 Experten in der Bundesrepublik.

Die geringe Zahl der Gründungen in Deutschland ist aus Sicht von Rolf Sternberg, Mitautor der gestern vorgelegten Studie, eine große Schwäche für den Wirtschaftsstandort - "weil wir junge, kreative Unternehmen für den Strukturwandel dringend brauchen". Dies sei aber nicht das einzige und auch nicht das größte Übel: "Die Qualität der Gründungen ist die eigentliche Schwäche in Deutschland", klagt der Wirtschaftsgeograph der Universität Hannover. Zwar schneide Deutschland hinsichtlich der Zahl neuer Firmen, die Produkte mittlerer oder hoher Technologieintensität herstellen, besser ab als im Gesamtranking. Aber in den meisten anderen wissensbasierten Volkswirtschaften, mit denen die Bundesrepublik sich messen müsse, sei der Anteil höher. "Hier zu Lande gründen seltener schlaue Leute ein Unternehmen als in anderen Industrienationen", fasst Sternberg zusammen.

Ausschlaggebend für den Schritt in die Selbstständigkeit ist in Deutschland für drei von zehn Gründern die Angst vor Arbeitslosigkeit - in anderen Ländern ist das im Schnitt lediglich für einen von zehn Befragten eine wichtige Triebfeder. In Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit höher als im Durchschnitt der Republik ist, ist dieses Motiv besonders stark ausgeprägt. Damit erklärt Wissenschaftler Sternberg auch die Tatsache, dass ausgerechnet im vergangenen Jahr, dem mit Abstand wachstumsstärksten Jahr seit 2000, die Zahl der Unternehmensgründungen gegenüber dem Vorjahr wieder zurückgegangen ist. "Wenn die Konjunktur anzieht, bieten sich mehr Chancen, eine Stelle zu finden, und der Antrieb, ein eigenes Unternehmen zu gründen, sinkt für viele."

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