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Amir Kassaei: Geliebt und gehasst

Er hasst Smalltalk und das übliche Bussi-Bussi. In der trüben Werbebranche gilt Amir Kassaei als strahlendes Licht. Jetzt musste er von seinem Chefposten beim Verband ADC zurücktreten. Über das bewegte Leben eines umstrittenen Kreativen. Ein Porträt.

DÜSSELDORF. Er hat als Kindersoldat den Iran-Irak-Krieg überlebt, sich als Jugendlicher auf Wiens Straßen durchgeschlagen und mit DDB Germany ein totgesagtes Unternehmen zur Vorzeigewerbeagentur geformt - aber an den Beharrungskräften in der Werbebranche ist Amir Kassaei gescheitert. Gestern hat der Chef des Art Directors Club (ADC), dem Zusammenschluss hochrangiger Kreativwerber, seinen Rücktritt erklärt. Damit vergrault die Branche einen ihrer wenigen Hoffnungsträger.

Immer wieder war der 40-Jährige in den vergangenen Monaten mit seinen Reformvorhaben für die siechende deutsche Werbebranche gescheitert. Der gebürtige Iraner wollte die teuren Kreativwettbewerbe, die vor allem Großagenturen begünstigen, abschaffen und aus Werbern kreative Unternehmensberater machen. Damit glaubt Kassaei dem sinkenden Umsatz in der Branche und der wachsenden Werbeunlust deutscher Unternehmen entgegenzuwirken. Das kann er jetzt bei DDB umsetzen, die unter anderem Volkswagen und Reebok betreut. Im Verband ist der provokante Perser gescheitert. "Es gibt eine Mauer aus den grauen, alten Herren, die nichts ändern wollen und ihn haben auflaufen lassen", sagt ein Werber. Kritiker bemängeln, mit seiner undiplomatischen Art sei Kassaeis Scheitern programmiert gewesen.

Kassaei selbst sagte dem Handelsblatt: "Es hat große Differenzen über die inhaltliche und strategische Ausrichtung des ADC mit einem Großteil der Vorstandsmitglieder gegeben." Er sehe kein Vorankommen. "Und mir geht es um Inhalte, nicht um Posten." In Branchenkreisen heißt es, auch über die Finanzen des ADC habe man sich gestritten. Viele Vorstandsmitglieder wollten Kassaeis Ausgabeprioritäten nicht mittragen.

Noch vor wenigen Wochen hatte Kassaei auf dicke Hose gemacht, als der Gegenwind zunahm. "Was stört mich die Kritik von Automechanikern, wenn ich auf dem Weg zum Mond bin?" ätzte er. "Wenn ich hätte beliebt sein wollen, wäre ich Krankenschwester geworden." Das ist typisch Kassaei. Immer provokant, nie um einen starken Spruch verlegen. Deswegen verehren ihn viele Werber - und hassen ihn viele andere. Die haben nun gewonnen.

Dabei ist Kassaei eigentlich ein Steher. In seinem Büro hängt ein Muhammad-Ali-Porträt. An ihm schätzt Kassaei nicht nur die Nehmerqualitäten, sondern erkennt auch seine eigene Lebensgeschichte: ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich nach oben arbeitet.

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