WestLB-Chef Jürgen Sengera geht
Das Scheitern eines Investmentbankers

Sein letzter Gang als Vorstandschef der fünftgrößten deutschen Bank führte Jürgen Sengera, 60, in ein unauffälliges Gebäude am Düsseldorfer Hofgarten. Schlichte Flure, Aktenumlaufmappen, hier ist die Bürokratie zu Hause. Und damit das genaue Gegenteil dessen, was sich Sengera für die Zukunft der WestLB vorstellte – bis zuletzt.

HB DÜSSELDORF. Die Eigentümer der WestLB hatten den Bankchef gestern Mittag in die zweite Etage des nordrhein-westfälischen Finanzministeriums einbestellt. „Er war bis zum Schluss uneinsichtig“, sagt einer, der mit am ovalen Tisch im Büro von Finanzminister Jochen Dieckmann saß. Sengera habe seine Strategie verteidigt, die WestLB zu einem starken Investment-Banking-Haus zu machen.

Die Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin hatte Sengera schwere Versäumnisse im Fall Box Clever vorgeworfen, jenem Kreditengagement, das jüngst um 430 Millionen Euro wertberichtigt wurde. Jetzt sollte sich Sengera äußern. Seine Verteidigungsworte nützten ihm nichts mehr. Als die Minister Dieckmann und Harald Schartau, die Sparkassenpräsidenten, die Vorsitzenden der Landschaftsverbände und Aufsichtsratschef Bernd Lüthje gegen 13 Uhr auseinander gingen, war Sengera nicht länger Chef.

Man habe sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ getrennt, teilte die Bank später mit, und einer aus der Runde sagt, das sei „in diesem Fall ausnahmsweise keine Floskel“. Die Eigentümer wollten nicht mehr mit Sengera und seiner Strategie, und Sengera wollte nicht mehr mit diesen Eigentümern und ihrer plötzlichen Vorsicht. Mit ihm wird auch WestLB-Vorstand Andreas Seibert die Bank verlassen.

„Wenn man solche Geschäfte macht, kann man auch Pech haben“, hat Sengera häufig gesagt. Die Anteilseigner wussten das. Sie spielten lange mit, machten Sengera vor gut zwei Jahren auch deshalb zum Nachfolger Friedel Neubers, weil er die Bank neu aufstellen wollte.

Sengera erntete zunächst Anerkennung. Die Londoner Investmentbanker lobten, der Neue „diskutiert in Augenhöhe. Bei Neuber hat man immer aufs Podium hoch geschaut.“ Betriebsräte wunderten sich, trotz des von Sengera initiierten Stellenabbaus sei es „erstaunlich ruhig unter den Mitarbeitern“ – auch deshalb, weil der Chef zugänglich für die Probleme der Belegschaft sei. Und die Anteilseigner waren zufrieden, dass Sengera die Kosten senkte: So strich er 1500 Stellen und ordnete die Schließung der Niederlassungen in Essen und Bielefeld an.

Noch Ende 2002 feierte die „Börsen Zeitung“ den 60-jährigen Sengera als „Tempomacher“, der den Titel „Banker of the Year“ verdient habe. Aber sechs Monate später kommt das Aus nicht mehr überraschend. Der Fall Box Clever, der Ärger um die Investmentbankerin Robin Saunders, eine auf 1,7 Milliarden Euro gestiegene Risikovorsorge: die WestLB-Nachrichten waren desaströs in letzter Zeit. Besonders Sparkassen und Landschaftsverbände wurden immer nervöser – vor allem, da die Bank ab 2005 nicht mehr durch staatliche Haftung geschützt sein wird.

Wie eng es für Sengera werden würde, zeigte bereits die Verbandsversammlung der rheinischen Sparkassen vor acht Tagen in Essen. Teilnehmer berichten von einer „eisigen Atmosphäre“. Der Bundesobmann der deutschen Sparkassen, der Kölner Stadtsparkassenchef Gustav Adolf Schröder, habe Sengera frontal angegriffen: Die Geschäftspolitik der WestLB sei „für sein Haus inakzeptabel“. Sengeras Antwort war eindeutig: Er habe sich vielleicht vorzuwerfen, dass er die Risikogrenzen nicht früher gesenkt habe. Aber er stehe weiter für seine Strategie, auf renditestarke Geschäftsfelder zu setzen. Für die Sparkassenchefs war klar: Wollten sie weniger Risiko und mehr heimisches Geschäft, musste Sengera gehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%