Whistleblower
Zwischen Zivilcourage und Jobverlust

Wer Straftaten im eigenen Unternehmen - vor allem von Vorgesetzten - öffentlich macht, gilt schnell als Denunziant. Doch der Telekom-Skandal, der Corporate-Governance-Kodex und Druck aus der Politik könnte das jetzt ändern.

BERLIN. Telekom-Chef René Obermann fordert mehr Courage von der Belegschaft, sich gegen ein mögliches Fehlverhalten von Kollegen und Vorgesetzten zu stellen. BDI-Chef Jürgen Thumann will, dass mehr Unternehmen anonyme Beschwerdestellen mit Ombudsleuten einrichten, bei denen Mitarbeiter Straftaten ihrer Vorgesetzten anzeigen können. Sind das nur theoretische Forderungen, um den Imageschaden angesichts der Vorfälle bei Lidl, Telekom oder Siemens zu begrenzen?

"Wer wirklich Missstände im eigenen Haus auffliegen lässt, ist nicht zu beneiden", sagt Guido Strack. Der Jurist aus Köln hat aus eigener Betroffenheit heraus vor anderthalb Jahren das Whistleblower-Netzwerk mitgegründet. Die Organisation will eine Anlaufstelle für alle sein, die Missstände wie das verbotene Umetikettieren von Gammelfleisch aufdecken. "Anschwärzen, verpfeifen, denunzieren, die Wortwahl für die Whistleblower zeigt, dass man bei Chefs und Kollegen oft als Verräter eingestuft ist", sagt Strack.

Die derzeitige Rechtslage meint es ebenfalls nicht gut mit den Whistleblowern: Wer nicht zuerst zum Vorgesetzten geht, sondern sich sofort an Behörden wendet, riskiert nach der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte seinen Job. Danach gilt es als unzumutbar, ein Arbeitsverhältnis mit einem Mitarbeiter fortzusetzen, der Kollegen bei der Staatsanwaltschaft anzeigt, ohne sich vorher intern offenbart zu haben. Der Hinweisgeber, wie man Whistleblower auch übersetzen könnte, bewegt sich also nicht wie in Großbritannien oder den USA auf rechtlich sicherem Boden.

Welche Möglichkeiten gibt es in Deutschland, wie arbeiten die von BDI-Chef Thumann favorisierten anonymen Beratungsstellen mit Ombudsleuten? Einer davon ist Albrecht Vahl: Der Jurist, der auch eine Zulassung als Rechtsanwalt hat, ist eigentlich bei der Deka-Bank fest angestellt. "Wenn ich in meiner Funktion als Ombudsmann von einem Mitarbeiter angesprochen werde, bin ich aber von meinen Pflichten als Arbeitnehmer freigestellt, also unabhängig, und unterliege der Schweigepflicht", sagt Vahl. Konkrete Beispiele, wie das Hinweissystem funktioniert, nennt Vahl auch - beispielsweise bei einem Einkauf der Bank von Dienstleistungen, die laut einem Mitarbeiter nicht den Deka-Bank-Regeln entsprochen hätten. Vahl legte den Fall - ohne dass Rückschlüsse auf den Namen des Hinweisgebers möglich waren - dem extra dafür eingerichteten Ethikkomitee vor, alles in Absprache mit dem Whistleblower. In der Ethikkommission sitzen laut Vahl die Revision, die Personalabteilung und der Compliance-Officer. Die Revision ging mit dem Vorgang in die Fachabteilung, stellte Fehler fest und stoppte den Einkauf. Ein voller Erfolg aus Sicht von Vahl: "Zu Korruption hat es deshalb gar nicht kommen können." Für Netzwerk-Chef Strack nur die halbe Miete, er fordert entsprechend der OECD-Empfehlungen, anonyme Hinweisgebersysteme auch in den Corporate-Governance-Kodex verpflichtend aufzunehmen, aber vor allem deren externe Absicherung: "Nur wenn dass Top-Management es nicht mehr in der Hand hat, ihm unangenehme Meldungen zu ignorieren und der Whistleblower sich notfalls - ohne Furcht vor Repressalien - an zuständige außerbetriebliche Stellen wenden kann, wird sich wirklich etwas ändern."

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