Wie der russische Oligarch Kacha Bendukidse zum Wirtschaftsminister in Georgien aufstieg
Der Turbo-Kapitalist

Wer Kacha Awtandilowitsch Bendukidse fragt, warum er als erfolgreicher Unternehmer in Russland jetzt auch noch Wirtschaftsminister in Georgien geworden ist, bekommt eine überraschende und wohl nicht ganz ernst gemeinte Antwort: „Weil ich groß und schön bin.“

TIFLIS. Tatsächlich: Die Größe hat er. Von der Figur her könnte er auch Sumo-Ringer sein. Nur eine Bedingung habe er gestellt, ergänzt der 48-Jährige: „Dass ich im Amt keine Krawatte tragen muss.“ Und so sitzt er nun im sandfarbenen Polo-Hemd, weiten Khaki-Hosen und Sandalen in seinem lichtdurchfluteten Büro im achten Stock des Ministeriums. Bis auf eine Wanduhr und eine Landkarte lenken den Minister keinerlei weitere Verzierungen von der Arbeit ab – „und davon gibt es genug“, sagt er und schließt, wie so oft während er redet, die Augen.

Seit zwischen Georgien und Russland ein Krieg um die abtrünnige georgische Teilrepublik Süd-Ossetien droht, wird Bendukidse immer öfter als „russischer Agent“ beschimpft. Er wolle russischen Unternehmern die Filetstücke der Wirtschaft des südlichen Nachbarlandes zuschanzen, werfen Nationalisten dem Rückkehrer vor. „Sie sollen sich zum Teufel scheren“, wischt Bendukidse solche Vorwürfe ohne weitere Kommentare vom Tisch. Er sei nach 28 Jahren in Russland in seine Heimatstadt Tiflis zurückgekommen, „um zu helfen“.

Bendukidse war nach seinem Biologiestudium in Tiflis 1977 zur Dissertation nach Moskau umgezogen, wo er später als Oligarch des Schwermaschinenbaus zu Geld kam. Und über seine Rolle als Sprecher des Industriellenverbandes für Steuerfragen auch einen Zipfel der Macht zu fassen bekam. Nachdem schließlich im vorigen Dezember mit der friedlichen „Rosenrevolution“ der erst 36 Jahre alte Michail Saakaschwili den langjährigen Amtsinhaber und früheren Sowjet-Außenminister Eduard Schewardnadse stürzte, soll Bendukidse nun die marode georgische Wirtschaft erneuern. Seine Vision: Der Aufbau der unternehmerfreundlichsten Marktwirtschaft aller GUS-Staaten.

Wie das geht, weiß Bendukidse aus eigener Praxis als Chef seines russischen Maschinenbau-Imperiums Vereinte Maschinenbau-Werke (OMZ): Steuern runter, Bürokratie abbauen, Staatsbetriebe privatisieren – so lautet sein liberaler Dreiklang. Und das alles in Rekordzeit: Der Turbo-Kapitalist und Radikal- Marktwirtschaftler ist äußerst ambitioniert. Binnen drei Jahren wolle er die Reformen so durchgesetzt haben, dass sein Ministerium aufgelöst werden könne.

Einmal in Fahrt nennt Bendukidse Abgeordnete gerne „Schwätzer“ oder den Internationalen Währungsfonds (IWF) einen Haufen von „Bürokraten, die die Unternehmer nur stören“.

Der Zorn hat einen Grund: Der IWF hatte erst kürzlich per Brief Bendukidses jüngstes Reformwerk stoppen wollen – die Steuerrevolution: die Streichung von zwölf der bisher 21 Abgaben, die Senkung der Einkommensteuer auf einheitlich zwölf Prozent sowie die Reduzierung der Sozialabgaben von bisher 31 auf 20 Prozent – all das sei mehr als eine Reform.

Er plant noch eine weitere Besonderheit: In der Kaukasusrepublik soll es künftig private Steuer-Ombudsmänner geben, die im Streitfall zwischen Steuerzahler und Staat schlichten. Mittelfristig solle dann sogar die Mehrwertsteuer und der Zoll abgeschafft werden. Das schaffe Freiheit und stoppe Korruption. „Wir sind zu klein und zu arm, um uns hohe Steuern leisten zu können“, sagt Bendukidse, während er sich aus seinem schwarzen Ledersessel auf einen Holzstuhl umsetzt – die Lehne zwischen den Beinen, beide Arme obendrauf abgestützt.

In Sachen Privatisierung ist der Doktor der Biologie, der erst Geschäfte mit Arzneimitteln machte und dann in die Maschinenbaubranche wechselte, nicht weniger ambitioniert: „Wir müssen alles verkaufen, bis auf unsere Ehre“, hatte er bei seiner Ernennung zum Minister durch Präsident Saakaschwili im Juni gesagt. Das brachte dem „Ökonomen von Weltmaßstab“, wie ihn Georgiens Premier Surab Schwanija überschwänglich lobte, einen bis heute nicht abgeklungenen Sturm der Entrüstung ein: „Der ist wie ein entfernter Verwandter, der ins Haus kommt und befiehlt: ,Alles verkaufen’“, meint die Chefin der der Opposition nahe stehenden Zeitung „Georgian Times“, Nana Gagua.

Seinen 26-prozentigen OMZ-Anteil habe er an Treuhänder übergeben wie auch seine anderen Beteiligungen, die ihn zusammen „vielleicht 120 bis 150 Millionen Dollar reich“ gemacht hätten. Wirtschaftlich sei er also unabhängig, behauptet der Mann, der noch immer im Hotel wohnt und bei seiner Mutter zu Mittag isst. Seine Frau und die beiden Kinder leben weiter in Moskau, wo die Familie ein Haus bauen lässt.

Was er denn nach 2007 machen wolle, wenn sein Amt in Georgien überflüssig werde, wisse er noch nicht. „Vielleicht Bundeskanzler in Deutschland, aber nur wenn ich keine Krawatte tragen muss.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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