Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist Vater des boomenden Onlinelexikons
Der gute Mensch des Internets

Jimmy Wales ist der Vater von Wikipedia, einem nicht kommerziellen Onlinelexikon mit starkem Wachstum. Diese Netz-Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben darf, ist eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets. Es gibt sie in mehr als 100 Sprachen.

HAMBURG. Verständnislos geistern die Blicke umher. Gut, der Großteil der Besucher des Deutschen Trendtags in Hamburg ist des Englischen einigermaßen mächtig – aber doch nicht, wenn es in so rasanter Geschwindigkeit über sie hereinbricht. „Bin ich zu schnell?“ fragt Jimmy Wales oben auf der Bühne mit ehrlicher Überraschung: „Ich habe wohl zu viel Kaffee getrunken.“

Dann versucht er, sich zu bremsen. Aber wenn er einmal erzählt von Wikipedia, seiner Idee, seinem Geschöpf, ist kein Halten mehr. Schnelle Handbewegungen untermalen seine große Vision: „Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder Mensch auf diesem Planeten freien Zugang zur Summe des menschlichen Wissens hat. Das ist es, was wir machen.“

So redet normalerweise einer, der möglichst viel Risikokapital für sein Internet-Start-up einsammeln möchte. Doch Wales wirkt eher wie ein evangelischer Pfarrer mit seinem schwarzen T-Shirt, den ausgebeulten Hosen und dem unauffälligen, braunen Sakko. Und: Er will kein Geld.

Denn Wikipedia ist in der Tat eines der erstaunlichsten Phänomene des Internets in den vergangenen zwei Jahren: ein nicht kommerzielles Onlinelexikon, das genauso schnell wächst, wie Wales redet, und an dem jeder mitschreiben darf – ohne Registrierung, ohne Passwort, ohne Rechtfertigung. „Wales hat schon jetzt sein Erbe im Internet hinterlassen“, rühmt ihn das Web-Kultmagazin „Wired“.

In über hundert Sprachen gibt es die Netz-Enzyklopädie, die englische Version zählt über 600 000 Begriffe, die deutsche 247 000 – täglich werden es mehr. „Im kommenden Jahr wird die deutsche Ausgabe mehr Artikel haben als der Brockhaus“, verspricht Wales.

Möglich wird dies durch eine besondere Software, die so genannte Wiki-Software, die Wales aber nicht entwickelt hat. „Wikiwiki“ ist das hawaiianische Wort für „schnell“. Und so steht „Wiki“ als Oberbegriff für Texte, deren Software es erlaubt, dass jeder an ihnen redigieren darf. Wer bei Wikipedia einen Artikel schreiben möchte, kann das einfach so tun, ohne Anmeldung.

Kann so Qualität entstehen? Wales’ gepflegter Fünf-Tage-Bart verzieht sich zum Grinsen. Sein Rat: „Suchen Sie sich einen Bereich aus, in dem Sie sich auskennen. Fragen Sie sich dann: Genügt mir der Wikipedia-Text? Meist werden Sie feststellen, dass die Qualität ausreicht.“

Kontrolle gibt es: durch die Nutzer selbst. Ein kleiner Teil von Extrem-Wikipedianern hat es sich zum Hobby gemacht, Textänderungen und neue Artikel zu überwachen. „Wenn man von solch einem Konzept hört, denkt man: Schöne Idee, funktioniert aber nicht. Ich finde es faszinierend, dass es doch geht“, sagt der 38-Jährige: „Vielleicht ist Wikipedia der Beweis, dass Men-schen nicht so schlecht sind, wie manche meinen.“ Und Wales ist vielleicht der Beweis, dass nicht jeder mit einer guten Idee für das Internet an die Börse will. An der war er schon mal, als Derivatehändler an der Chicagoer Rohstoffbörse. Dann kam das Internet, und er wollte etwas Neues probieren: ein Onlinelexikon. „Das liegt vielleicht an meiner ungewöhnlichen Erziehung.“ Mutter und Großmutter betrieben eine Mini-Schule in Alabama: vier Schüler pro Jahrgang. „Jeder konnte sich entscheiden, was er lernen wollte“ – Wales vertiefte sich in Lexika.

1996 gründete er zunächst den Suchdienst und Erotik-Bilder-Vermarkter Bomis, mit dem er noch heute als Mehrheitseigner Geld verdient. Vier Jahre später versuchte er, mit Nupedia ein Internetlexikon auf die Beine zu stellen. Es scheiterte daran, dass alle Artikel von Fachleuten gegengelesen werden sollten. Dann stieß Wales auf die Wiki-Software, auf die jeder gleichzeitig zugreifen kann und darf.

Doch ihm war klar, dass sich nur ein neutrales, gemeinnütziges Projekt durchsetzen würde. Deshalb ist Wikipedia heute eine Stiftung mit nur einem Angestellten: dem Chefprogrammierer. Hunderte Freiwillige über den ganzen Globus halten Technik und Inhalte am Laufen. „Wenn ich höre, dass andere Internetunternehmen für Hunderte von Millionen Dollar verkauft werden, denke ich: Wikipedia zur Non-Profit-Organisation zu machen war entweder das Schlauste, was ich je getan habe – oder das Dümmste.“

Er selbst ist unbezahlter Vorsitzender der Stiftung und lebt von dem Geld, das er als Händler machte und mit Bomis noch verdient: „Ich bin nicht reich, kann aber gut leben.“ 500000 Dollar hat er schon in Wikipedia gesteckt. Das US-Magazin „Wired“ konstatierte im Frühjahr: „Der Gott-Vater von Wikipedia fährt einen Hyundai.“ Aber „Jimbo“, wie ihn jeder nennt, kann so ganz vom Unternehmertum nicht lassen. Wikia soll ein Internetkatalog werden, der Suchergebnisse nach Stichworten sortiert; Wikicities ist eine Plattform, in der Nutzer eigene Projekte umsetzen können. Und halbjährlich erscheint das deutsche Wikipedia als DVD – und verkauft sich glänzend.

Und so kann sich Wales Sätze er-lauben, die kein Vorstandschef äußern würde. „Ich weiß gar nicht, was wir mit dem Geld anfangen sollen“, sagt er mit großen Augen, während die Hände nach oben fahren. Der Grund: Kurz nach einem Spendenaufruf für neue Server trafen 100000 Dollar ein.

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