Wiktor Wekselberg
Im Schwitzkasten

Der russische Milliardär Wiktor Wekselberg will seine Schweizer Beteiligungen Sulzer und Oerlikon retten – und lässt seine Muskeln spielen.

ZÜRICH/MOSKAU. Wiktor Wekselberg scheut das Licht der Öffentlichkeit. Als der russische Oligarch vor kurzem nach der Abschaffung der für ihn günstigen Pauschalbesteuerung in seiner Wahlheimat Zürich gefragt wird, lässt er nur knapp mitteilen: Steuern seien seine Privatsache. So hält es Wekselberg am liebsten auch mit seinem beträchtlichen Firmenimperium. Der geborene Ukrainer steht nie in der ersten Reihe, wenn eine seiner zahlreichen Industrie- und Finanzbeteiligungen Schlagzeilen macht. Umso kräftiger zieht er im Hintergrund die Fäden.

So auch jetzt beim Schweizer Industriekonzern Sulzer, bei dem Wekselberg mit 27 Prozent größter Einzelaktionär ist. Über seine Holding Renova will der Oligarch die beiden Verwaltungsratsmitglieder Ulf Berg und Daniel Sauter aus dem Amt drängen.

Der Grund: Berg hatte sich beim Einstieg Wekselbergs vor knapp zwei Jahren mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, dass der Russe Einfluss auf die Führung des Maschinenbauers bekommt. Im Herbst 2007 einigten sich beide Seiten auf ein Stillhalteabkommen, in dem Wekselberg unter anderem versprach, die bisherigen Verwaltungsräte zu unterstützen.

Der Friedenspakt läuft im Mai aus, und Wekselberg nutzt jetzt die Gelegenheit, eine alte Rechnung zu begleichen. „Es fehlt das Vertrauen zu einigen Verwaltungsräten“, ließ er Renova-Sprecher Daniel Grotzky den Putsch gegen die Konzernspitze begründen.

Mit solchen Machtspielen kennt sich der eher schüchterne Wekselberg aus. So drängte er beim Industriekonzern OC Oerlikon seine ehemaligen Partner Georg Stumpf und Ronny Pecik aus dem Aktionärskreis – und kann das Traditionsunternehmen seit Mai vergangenen Jahres nach Belieben alleine kontrollieren. Auch beim russisch-britischen Öl-Joint Venture TNK-BP ließ der Russe seine Muskeln spielen. Zusammen mit drei anderen Oligarchen sorgte Wekselberg dafür, dass der Konzernchef Robert Dudley gehen musste.

Diese Kaltblütigkeit sieht man dem gelernten Mathematiker nicht an. Alles an Wiktor Felixowitsch Wekselberg wirkt gemütlich: der graue Vollbart, die rundliche Gestalt und die ruhige Stimme. In einer Tischgesellschaft müssen sich die Zuhörer schon weit über ihre Suppen beugen, um zu verstehen, was der Multimilliardär sagt. Dem Bild des lauten, reichen Russen mag er so gar nicht entsprechen. Er redet gewählt und nachdenklich, dabei blitzt bisweilen ein hintergründiger Humor auf. Wekselberg liebt es leise. Auch sein Hobby entspricht dem sorgsam gepflegten Image: Bücher.

So dürfte die große Auseinandersetzung im vergangenen Jahr nicht nach seinem Geschmack gewesen sein. Damals stand er als Anteilseigner des russisch-britischen Ölkonzerns TNK-BP im Feuer der Weltpresse. Monatelang lieferten sich er und seine russischen Partner eine ausufernde Schlammschlacht mit dem britischen BP-Konzern. Der Streit fügte dem Ruf des Wirtschaftsstandorts Russland schweren Schaden zu.

Zugelassen hat er ihn trotzdem. Seine Spin-Doktoren haben es immerhin verstanden, den Leisetreter mit jüdischen Wurzeln als den Mann hinzustellen, der hinter den Kulissen nach einem friedlichen Ausgleich sucht.

Dass Wekselberg auch anders kann, zeigen seine Augen: ein stechender Blick. Kein Wunder, einer, der seine erste Dollar-Million bereits 1991 gemacht hat, dem Jahr, in dem die Sowjetunion untergeht, muss sich durchsetzen können. Inzwischen umfasst sein Firmenimperium in Europa und den GUS-Staaten rund 300 Beteiligungen. Angefangen hat er in der Endphase der früheren Sowjetunion, als er zusammen mit Studienkollegen vom Moskauer Institut für Transportingenieure die Renova-Kooperative gründete.

Die Finanzkrise hat jedoch seinem sagenhaften Reichtum schwer zugesetzt. Während Forbes ihn im vergangenen Frühjahr noch auf elf Milliarden Dollar taxierte, die russische Zeitung Wedomosti den Wert seines Firmenimperiums gar auf 17 Milliarden Dollar, schätzt ihn das Magazin „Finans“ heute nur noch auf drei Milliarden Dollar.

Wie schnell der Reichtum des Oligarchen sich verflüchtigt hat, zeigt das Beispiel Oerlikon. Als Wekselberg im Juli 2006 bei dem Technologiekonzern einstieg, stand die Aktie bei über 300 Franken und stieg durch Optionsgeschäfte auf rund 800 Franken. Heute notiert Oerlikon gerade mal mit 31 Franken und schreibt tiefrote Zahlen. Auch die Sulzer-Aktien sind seit dem Einstieg Wekselbergs vor zwei Jahren auf ein Drittel ihres Wertes gefallen.

In Zürich ist bereits zu hören, der Russe sitze finanziell in der Klemme, weil seine Oerlikon- und Sulzerpapiere angeblich als Sicherheit für erhaltene Kredite dienen.

Vor diesem Hintergrund erscheint sein Coup bei Sulzer durchaus folgerichtig. Wenn Wekselberg noch Freude an seinen Schweizer Industriebeteiligungen haben will, muss er nach Ansicht von Analysten handeln. Oerlikon brauche dringend Bargeld, sagt Fabian Haecki, Analyst bei der Privatbank Vontobel. Sulzer habe eine gut gefüllte Konzernkasse. Haecki hält es deshalb für denkbar, dass Wekselberg entgegen seinen Beteuerungen die Absicht hege, beide Konzerne zusammenzuschmieden oder zumindest einzelne Geschäftsbereiche zusammenzulegen.

Der Verwaltungsrat von Sulzer sträubt sich jedoch bislang gegen eine solche Zwangsehe. Das könnte sich aber ändern, wenn Wekselberg erst einmal die Fäden in der Hand hat.

Wiktor Wekselberg

1957 Er wird am 14. April im westukrainischen Drohobitsch geboren. Wiktor Wekselberg studiert später Mathematik in Moskau. Er beginnt eine Karriere als Forschungsdirektor am Institute of Advanced Pneumatics in Moskau.

1988 Er gründet mit Freunden eine Kooperative. Sie verkaufen Kupferschrott aus der Ölindustrie und importieren Computer. Mit Leonard Blavatnik gründet er 1991 die Renova Holding.

1996 Er wird Miteigentümer der russischen Tyumen Oil (TNK). Er bringt Raffinerien in die Siberian-Urals Aluminium Company (SUAL) ein.

2003 TNK gründet mit dem britischen BP-Konzern das Joint Venture TNK-BP.

2004 Er verlegt den Zweitwohnsitz nach Zürich und gründet die Renova-Gruppe. Er steigt 2006 beim Schweizer Maschinenbauer Oerlikon ein.

2007 Er hält zusammen mit den Investoren Georg Stumpf und Ronny Pecik 18 Prozent der Aktien des Schweizer Maschinenbauers Sulzer. Außerdem fusionieren Sual und Rusal mit dem Schweizer Rohstoffhändler Glencore zum weltgrößten Aluminiumkonzern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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