Winterkorn ehrt Kommunikationschef
„Damals stand PR noch für Partys und Reisen“

Ein „richtiger Unruhestifter“ bei VW

Diese kleinen Spitzen machen den Charme von Winterkorns Rede aus. Eine Laudatio verkommt schließlich schnell zur Lobhudelei. So lobte Winterkorn zwar Grühsem über alle Maßen, aber das immerhin äußerst unterhaltsam. Grühsem sei ein „richtiger Unruhestifter“ im Konzern, sagte Winterkorn zum Beispiel. Nachdem Gelächter all der Kollegen verklungen war, die den Kommunikationschef kennen, ergänzte der Professor: „Das heißt, er hat das richtige Gespür für die richtigen Themen zur richtigen Zeit.“

Das bewies Grühsem gleich in seiner kurzen Dankesrede. „Bei uns im Unternehmen gibt es diesen Spruch: Nicht geschimpft ist gelobt genug“, sagte er. Deshalb müsse er dieses viele Lob erst einmal verarbeiten.

Schließlich gilt Winterkorn als harter Hund und autoritärer Chef. An diesem Abend jedoch gab er ganz weich und erzählte sogar die Anekdote, wie Grühsem sich Respekt bei den Ingenieuren des Konzerns verschafft habe. Irgendwo in Afrika hätten sie den neuen Golf GTI getestet. Und alle hätten gerätselt, warum der Wagen nicht so kraftvoll aussah. „50 Ingenieure standen herum und rätselten, und dann kam aus der zweiten Reihe von Grühsem: Ihr habt die Rückleuchten falsch angebracht!“

In der Tat hatten die Ingenieure die weißen Rückfahrleuchten ganz nach oben über die roten Bremsleuchten gesetzt. Dadurch wirkte es optisch so, als ob das Auto höher liege und nicht tief und breit wie alle Vorgänger. Die Lampen wurden dann wieder getauscht.

Das war eine reife Leistung für einen früheren Journalisten, der einst sogar beim Handelsblatt zusammen mit dem heutigen Herausgeber Gabor Steingart an einem Magazin-Projekt namens „Copy“ gearbeitet hatte. Das Magazin wurde eingestellt, Grühsem verschlug es zum Wirtschaftsmagazin „Capital“ und schließlich zu Winterkorn, der damals noch Markenvorstand für die technische Entwicklung von Volkswagen war.

Natürlich ist niemand fehlerfrei. Grühsem hat es zum Beispiel geschafft, den Fußballfan Winterkorn in eine hochnotpeinliche Situation zu manövrieren, wie der Konzernchef genüsslich erzählte. Grühsem habe ihm eine Rede für einen Auftritt in München geschrieben. „Da stand dann, wie gerne ich nach Bayern komme, in die Heimat des glorreichen FC Bayern“, erzählte Winterkorn. „Und in Klammern noch: Applaus abwarten.“

Doch auf den Applaus wartete Winterkorn vergeblich, es herrschte plötzlich eine Eises-Stimmung. Später habe ihm jemand erklärt, es seien alles Fans von 1860 München im Saal gewesen.

Am Dienstagabend in Remagen-Rolandseck konnte Stephan Grühsem seinen Chef jedoch nicht aufs Glatteis führen. Denn bei der Laudatio hat er Martin Winterkorn wohl kaum den Stift geführt.

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Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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