Wirtschaftsermittler Manfred Lotze überprüft Bewerber
Lügen im Lebenslauf

Manfred Lotze hat einen spannenden Beruf: Er ist Wirtschaftsermittler, eine Art männliche Miss Marple für kriminelle Mitarbeiter und Manager. Seine Auftraggeber: Personalchefs aus den verschiedensten Branchen. Sein Problem: "Meine Kunden kommen in der Regel erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist", seufzt der 58-Jährige.

DÜSSELDORF. Ein unauffälliger Anbau schmiegt sich an das stattliche Einfamilienhaus einer vornehmen Wohnsiedlung im Düsseldorfer Norden. Von hier aus leitet Manfred Lotze die Geschäfte des Detektivbüros Kocks. Vor dem Gebäude kreuzt die Schlossallee, dahinter erstrecken sich Wiesen und Äcker. Wenn der Autolärm mal eine Pause einlegt, hört man den Wind in den Buchen links und rechts der Straße rauschen.

Ein Fall für die Detektei Kocks

Manfred Lotze sitzt in seinem Büro, blickt auf seine vergangenen 37 Jahre als Detektiv zurück und erzählt Geschichten. Zum Beispiel von einem Manager, der in seinem Job überfordert gewesen sei. Sein Arbeitgeber war enttäuscht darüber, dass der Mann nicht hielt, was seine Vita versprochen hatte. Man zweifelte an der Qualifikation des Mannes und feuerte ihn. Der Manager wehrte sich gegen die Kündigung und klagte vor dem Arbeitsgericht.

Im Auftrag des Unternehmens durchleuchtete Lotze den Mann und fand heraus, dass dieser seinen Lebenslauf manipuliert hatte: Das abgeschlossene Studium an der Universität Utrecht entpuppte sich lediglich als Wochenendveranstaltung. Die Kompetenz, aufgrund derer das Unternehmen den Manager damals einstellte, hatte er also nur vorgetäuscht. Daraufhin verurteilte der Richter den überführten Betrüger dazu, Teile des Gehalts sowie Sozialabgaben und freiwillige Leistungen an den alten Arbeitgeber zurückzuzahlen. Und obendrein musste er auch noch die Rechnung des Detektivs blechen.

Hang zum Betrug

Ein gutes Geschäft für Manfred Lotze, doch der Detektiv betont, dass es ihm lieber wäre, wenn die Firmen Bewerber im Vorstellungsprozess genauer unter die Lupe nähmen. Um sich Schäden durch kriminelle Mitarbeiter zu ersparen, bietet der Wirtschaftsermittler Unternehmen zwei Dienste an: Bewerbungs-Check und Bewerberüberprüfung. Beim Bewerbungs-Check inspiziert er die Mappe eines Bewerbers mit geschultem Blick auf Hinweise, ob eine Zeugnisnote geschönt, ein Diplom gefälscht oder ein Doktortitel erlogen sein könnte. Oft findet er schwarze Schafe: Im Rahmen einer Studie untersuchte Lotze vor zwei Jahren 5 000 Bewerbungen auf Betrügereien. Das verblüffende Ergebnis: Rund 1 500 Bewerber hatten ihre Unterlagen manipuliert. Lotze erklärt den Hang der Bewerber zum Betrug folgendermaßen: "Heute drucken die Leute mit Kopierern Geldscheine, genau so leicht kann man auch Zeugnisse fälschen." Darum rät er Personalern, sich Zeugnisse und Zertifikate im Original vorlegen zu lassen.

Ermittlung auf dem Golfplatz

Für tiefere Einblicke in die Rechtschaffenheit der Bewerber bietet der Detektiv eine Bewerberüberprüfung an. Hier nimmt Lotze die Person selbst in Augenschein. Dafür legt er eine Strategie fest und denkt sich für seine Person eine Legende aus, um unerkannt ermitteln zu können - "legendierte Ermittlung" nennt er das. Dann horcht er unter einem Vorwand bei ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten nach und überprüft, ob die Angaben im Lebenslauf stimmen. Falls bei einem Bewerber Zweifel am Doktortitel bestehen, geht Lotze auch mal in die Universität und befragt unter einem Vorwand den Doktorvater. In einem anderen Fall verabredete sich der getarnte Ermittler mit einem Bewerber zum Golf, wobei sich herausstellte, dass dieser in seinem Lebenslauf lediglich mit einem renommierten Hobby geprahlt hatte: der Bewerber konnte gar kein Golf spielen.



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Kritische Stimmen

Kein Personalchef gibt leichtfertig zu, dass er Bewerber hinter ihrem Rücken ausspionieren lässt, denn er fürchtet zu Recht, das Vertrauensverhältnis zwischen Firma und neuem Mitarbeiter zu belasten. Für Jürgen Strauch, Chef Recruiter bei Hewlett Packard, kommt darum der Einsatz von Detektiven in der Bewerbungsphase nicht in Frage. "Wir versuchen im Interview herauszufinden, ob der Kandidat zu uns passt. Wenn wir ihm nicht trauen, stellen wir ihn auch nicht ein." Ähnlich äußert sich Karl-Friedrich Brenner, Sprecher der Dresdner Bank, und versichert, dass seine Personaler die Erlaubnis des Bewerbers einholen, bevor sie die im Lebenslauf gemachten Angaben überprüfen.

"Notlügen erlaubt"

Bernd Andersch, Karriereberater aus Aachen, sieht die Überprüfung der Bewerber kritisch. Er weist darauf hin, dass Fragen zu Gewerkschafts- und Religionszugehörigkeit, Schwangerschaft oder Wehr- und Ersatzdienst im Vorstellungsgespräch nicht zulässig sind. Möchte der Bewerber etwas verbergen, darf er hier mit einer pfiffigen Antwort oder einer Notlüge kontern. Andersch beklagt die Stillosigkeit von Personalern, die Detektive für die Bewerberauswahl einschalten: "Ein Personaler, der trotz umständlichem Bewerbungsverfahren und Probezeit die Mängel seiner Mitarbeiter nicht aufdeckt, disqualifiziert sich selbst." Zudem drohe die Gefahr, dass Personaler mit Hilfe eines Detektivs versuchten, Mitarbeiter auf preiswerte Art und Weise loszuwerden.

Lotze will, dass es dazu gar nicht erst kommt. Darum bringt er Personalern bei, wie sie Bewerbertricks erkennen und sich davor schützen können. In den Seminaren erklärt er übrigens auch, worum es sich beim so genannten "Bewerbertourismus" handelt: Wenn in Berlin die Love Parade, in München das Oktoberfest oder in Köln der Karneval die Massen anlockt, täuschen viele Touristen eine Bewerbung bei einem Unternehmen in der entsprechenden Stadt vor, um sich die Reisekosten von den Firmen erstatten zu lassen. Des einen Freud, des andern Leid. Lotze lächelt und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück.

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