Wirtschaftskriminalität
Keine guten Vorbilder

Unzufriedene Mitarbeiter werden anfällig für Wirtschaftskriminalität. Topmanager tragen selbst durch ihr Führungsverhalten oft dazu bei, dass Beschäftigte anfällig werden für Korruption, Unterschlagung oder Untreue.

DÜSSELDORF. Die Computerprofis der Polizei in Celle haben gerade eine brisante Festplatte auf ihrem Tisch. Ein Mitarbeiter der Deutschen Management Akademie Niedersachen (DMAN) war im Dezember dabei erwischt worden, wie er heimlich Daten des Weiterbildungsunternehmens auf den Datenträger kopierte. Besonders pikant: Der mutmaßliche Datendieb hatte einen Zeitvertrag, der kurz darauf auslief – und einen neuen Arbeitgeber: die Carl-Duisberg-Centren (CDC) in Köln, ein Konkurrent der Celler. Die Kölner haben die Niedersachsen vor kurzem bei einer Ausschreibung ausgestochen. Die DMAN hatte die ersten drei Phasen eines EU-Trainingsprogramms für osteuropäische Manager umgesetzt. Die vierte Phase betreuen nun die CDC. Gesamtauftragswert: zwölf Millionen Euro.

Der Ertappte war genau für dieses Programm zuständig. Nun ermittelt die Polizei, ob die Akademie Opfer eines Wirtschaftsspions wurde. Die Leiter der CDC betonen, dass sie den Zuschlag für das EU-Projekt schon im November erhalten haben – also bevor der Ertappte die Daten kopiert haben soll. Hat aber der Mann tatsächlich seiner neuen Firma Geschäftsgeheimnisse verraten, wäre die DMAN in guter Gesellschaft. Selbst Daimler-Chrysler hatte unlängst Probleme mit bestechlichen Vertrieblern. Fast jedes zweite Unternehmen hier zu Lande wurde in den letzten zwei Jahren Opfer eines Wirtschaftsdelikts, fand Pricewaterhouse Coopers (PwC) heraus. Die Wirtschaftsprüfer befragten Manager aus 3 634 Unternehmen in 34 Ländern. Jeder Fall von Industriespionage, jede Betrugs- oder Korruptionsaffäre kostete die Opfer hier im Schnitt 3,4 Millionen Euro. Jeder zweite Täter ist ein eigener Mitarbeiter.

Fatal daran ist, dass die Topmanager selbst durch ihr Führungsverhalten oft dazu beitragen, dass Beschäftigte anfällig werden für Korruption, Unterschlagung oder Untreue. Wer sich mit seiner Firma identifiziert, schädigt sie nicht. „Viele geben immenses Geld aus, um die IT-Systeme abzusichern, und sparen gleichzeitig bei der Zufriedenheit der Mitarbeiter“, moniert Christian Schaaf, Berater bei Result Group in München, die spezialisiert ist auf die Abwehr krimineller Angriffe auf Unternehmen. „Dabei ist der Mensch das schwächste Glied der Kette. Mitarbeiter anzuzapfen ist viel einfacher, als ins Computersystem einzubrechen.“

Klassiker sind diese Fälle laut Schaaf: Mal entpuppen sich vermeintliche Praktikanten als Informationsdiebe, dann werden Mitarbeiter ausgeforscht. Oder Unbekannte, die an der Bar des Messehotels scheinbar harmlose Fragen stellen, sind in Wahrheit Profischnüffler. Oft hat ein Konkurrent nicht viel Mühe, weil die Mitarbeiter immer öfter von sich aus Informationen anbieten. Wie das kommt? Befristete Verträge, das Auslagern von Geschäftsbereichen und das Schließen von Abteilungen haben dazu geführt, dass die Loyalität der Mitarbeiter immer weiter gesunken ist. Zudem geht es in großen Unternehmen immer anonymer zu, und Täter haben nicht das Gefühl, ein konkretes Opfer zu schädigen. Außerdem: „Konzerne und Firmengeflechte werden immer komplexer. Dadurch erhöht sich ihr Risiko, durch kriminelle Handlungen geschädigt zu werden“, weiß Erhard Rex, Generalstaatsanwalt des Landes Schleswig-Holstein.

Dennoch ignorieren viele Topmanager die Gefahr von innen. „Die meisten haben kein Gesamtkonzept, wie man Schäden durch Wirtschaftskriminelle verhindern kann“, kritisiert Rex. Weder machen sie sich Gedanken um die sinkende Mitarbeiterloyalität, noch haben sie Systeme, um Unregelmäßigkeiten aufzudecken.

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