Wissenschaft
Der Nobelpreis aus Bern

Luisa Bürkler-Giussani leitet die Balzan-Stiftung, die am Freitag hoch dotierte Wissenschaftspreise vergibt. Ihr passiert es nicht, dass sie wie die Stockholmer-Akademie mitunter einen Preisträger aus der Mottenkiste ziehen muss.

ZÜRICH. Die Dame hat einen Traum: Wer an Italien denkt, dem fallen Pisa, seine Wahrzeichen und Balzan ein. Wer an die Schweiz denkt, dem fallen Zürich, dessen Schönheiten und Balzan ein. Schöner Traum.

Luisa Bürkler-Giussani schaut durch ihre Brille mit dem modischen Gestell und lacht mit einer Extraportion Charme, so dass die Brosche, die sie um den Hals gehängt trägt, in Schwingungen gerät. Dann erzählt sie von den hoch dotierten Balzan-Wissenschaftspreisen, die an diesem Freitag in Bern vergeben werden – die höchsten Auszeichnungen nach den Nobelpreisen – und von Eugenio Balzan. Der italienische Journalist brachte es beim „Corriere della sera“ von der Aushilfe zum Verlagsleiter. Er häufte einen märchenhaften Reichtum an und brachte ihn in die Schweiz. Dessen Tochter Lina rief 1956 die „Internationale Balzan-Stiftung“ ins Leben.

Lina hängt als Ölgemälde über dem Besprechungstisch im bescheidenen Züricher Büro der Stiftung, dessen Präsidentin Bürkler-Giussani seit fünf Jahren ist. Lina lächelt still, während die Präsidentin lebhaft vom Treiben der Balzan-Familie berichtet. Lina starb 1957. Das Vermögen nutzt die von ihr gegründete Stiftung, um Wissenschaftler zu ehren: Jährlich erhalten vier Preisträger jeweils umgerechnet rund 660 000 Euro für ihre wissenschaftlichen, kulturellen oder humanitären Leistungen. Außerdem wird alle zwei bis fünf Jahre ein Friedenspreis vergeben, der mit 1,3 Millionen Euro dotiert ist. „Durch uns erfahren die Menschen, was Forschung ist und was sie bedeutet“, sagt die 61-jährige Stiftungspräsidentin. Die Tessinerin spricht ein Deutsch, wie es nur geübte italienische Zungen beherrschen: fließend, das „R“ rollt sie. Was hat die Züricher Anwältin an der Aufgabe gereizt? „Es ist die Brücke zu den Italienern“, sagt sie.

Anders als der Nobelpreis, der alljährlich in Stockholm vergeben wird, kommt der Balzan-Preis mal aus Rom und mal aus Bern. Außerdem entscheidet eine Jury, welche Disziplin diesmal gewürdigt wird. Ihre Stiftung sei damit auf der Höhe der Zeit, glaubt Bürkler-Giussani. Ihr passiert es nicht, dass sie wie die Stockholmer-Akademie mitunter einen Preisträger aus der Mottenkiste ziehen muss. Dafür ehrt sie häufiger als die Kollegen aus Schweden diejenigen, die nur in der Fachwelt einen Namen haben. Politiker sind nicht darunter. „Wenn sie noch im Amt sind, weiß man nie, was sie noch anrichten“, sagt Bürkler-Giussani.

Unter den neuen vier Preisträgern ist etwa der Heidelberger Kunsthistoriker Lothar Ledderose. Er habe zur Neuinterpretation der chinesischen und japanischen Kunst beigetragen, heißt es in der Begründung der Stiftung. Doch wer kennt Ledderose? „Je fähiger die Menschen sind, desto bescheidener sind sie“, sagt die Präsidentin.

Und dann erzählt sie von ihrem anderen Traum: Ein Preisträger bedankt sich unter der Kuppel des Berner Parlamentssaals für die Auszeichnung und siehe: Es ist ein Frau.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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