Wöhrl träumt seit früher Jugend vom Fliegen
„Mission Impossible“

Hans Rudolf Wöhrl ist immer für eine Überraschung gut. Das Unkonventionelle dominiert seine Handlungsweisen. In frühen Jahren macht er sich ohne Ausbildung selbstständig, als Chef des gleichnamigen Bekleidungshauses zieht er quasi nebenher eine Fluglinie hoch, verkauft sie später wieder. Mit der jetzt vollzogenen spektakulären Übernahme der Deutschen BA ist er am Ziel seiner Träume – oder am Anfang eines Albtraums.

MÜNCHEN. Gut gebräunt, locker wie ein Sonnyboy geht der 55-Jährige an seinem ersten inoffiziellen Tag bei der Deutschen BA auf seine neuen Untergebenen zu. „Er kann Leute für sich einnehmen“, sagt ein DBA-Beschäftigter. Über drei Stunden spricht er mit der Belegschaft, doppelt so lange wie geplant. Nach der geplatzten Übernahme durch Easyjet drohte der seit über zehn Jahren mit Verlust fliegenden Airline die Schließung. Wöhrl nimmt seinen neuen Leuten die Verunsicherung, fordert aber „mehr Flexibilität“ für die Zukunft. „Wir haben jetzt keine große Mutter mehr. Das bedeutet mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung.“ Wöhrl fackelt nicht lange und ist schon präsent, obwohl er offiziell erst ab dem 1. Juli bei der zweitgrößten deutschen Airline das Ruder übernehmen wird. DBA-Chef Martin Wyatt muss ab jetzt jeden Schritt mit ihm abstimmen.

Nach dem ersten Tag herrscht kein Zweifel bei den Beschäftigten, dass Wöhrl auch die operative Führung übernehmen wird. Eine Entscheidung dazu gibt es aber nicht. Über 5 000 Flugstunden hat Wöhrl schon auf dem Buckel, auch als Pilot von Chartermaschinen. Ihm gehören 16 Maschinen. Bezahlt hat er nur einen Euro, und British Airways gibt im noch eine Mitgift von 70 Millionen Euro – ein Husarenstück.

Seit früher Jugend träumt er vom Fliegen. Bereits mit 18 Jahren machte er den Pilotenschein. Seine berufliche Karriere beginnt indessen mit einer Pleite: Die internationale Wirtschaftsoberschule, in der er die Schulbank drückt, geht ein Jahr vor seinem Abitur in Konkurs. Kurz entschlossen bricht er die Schule ab, beginnt eine kaufmännische Lehre. Aber auch die führt er nicht zu Ende, sondern macht sich mit 19 Jahren selbstständig. „Ich bin kein Theoretiker, sondern Praktiker. Schule hat mir nie viel gegeben“, vertraut er einmal dem Handelsblatt an. Sätze wie „Es gibt nichts Lehrreicheres als die Praxis“ gehen ihm leicht über die Lippen.

Gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder Gerhard gründet der damals 19-Jährige 1966 den ersten Carnaby-Shop und baut die Boutique nach dem Vorbild der damals angesagten Londoner Carnaby Street erfolgreich aus. Bevor der Erfolg zu groß wird, bietet Vater Rudolf 1970 den beiden Söhnen die Führung des von ihm 1933 gegründeten Bekleidungshauses an. Die beiden Brüder machen aus Wöhrl eine bedeutende Bekleidungskette mit 350 Millionen Euro Umsatz und über 40 Geschäften.

Doch die Begeisterung fürs Fliegen lebt er weiter aus. Bereits 1969 gründet er die Intro GmbH, die sich auf die Beratung von Airlines konzentriert. Fünf Jahre später ruft er den Nürnberger Flugdienst ins Leben, den Vorläufer von Eurowings. 1992 muss er allerdings die Anteile verkaufen. Seither flog er nur noch privat, blieb der Branche aber verbunden. Die Deutsche BA kennt er sehr gut, da er mehrere Jahre im Beirat des Unternehmens war. Einzelheiten, wie er die Airline erstmals in die Gewinnzone führen will, will er erst im Juli bekannt geben. In der Branche herrscht Skepsis. Es gilt als „mission impossible“, der Deutschen Lufthansa dauerhaft im Inland Konkurrenz zu machen. Der Platzhirsch ging in der Vergangenheit jeden Preiskampf mit, auch wenn er dabei drauflegen musste. Mit dieser Methode hat die Airline bislang jeden Wettbewerber mürbe gemacht, auch Eurowings. Durch die Anschubfinanzierung von British Airways hat Wöhrl ein Jahr Zeit, sich eine originelle Strategie einfallen zu lassen. Den Rücken für den Job hat er frei, seit er vor gut einem Jahr aus dem operativen Geschäft ausschied und in den Aufsichtsrat der Bekleidungskette wechselte.

In Nürnberg gehört er zur feinen Gesellschaft. Seit 1984 ist er in zweiter Ehe mit seiner Frau Dagmar verheiratet – passend zu seinem Naturell ist sie ebenso schwer in ein Schema zu pressen wie er selbst. Dagmar ist die ehemalige „Miss Germany“ von 1977 und wurde später Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei. Anfang der 90er-Jahre begann sie, für den Stadtrat zu kandidieren. Inzwischen sitzt sie im Bundestag und ist als wirtschaftspolitische Sprecherin der CSU-Fraktion direkte Gegenspielerin von Superminister Wolfgang Clement. „Sie verstehen selber nicht, wovon sie reden und was sie tun“, urteilt sie über die Regierungsbank im Bundestag.

Das Paar hat zwei Kinder. Über das traurigste Kapitel seines Lebens spricht Hans Rudolf Wöhrl allerdings nicht. Im Sommer 2001 stürzte sein damals zwölfjähriger Sohn Emanuel vom Dach des Wohnhauses und starb.

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