Wohltäter oder Staatsfeind?
Der unterschätzte Stratege

Am Dienstag kommt TCI-Chef Christopher Hohn zur Hauptversammlung der Börse. Seit einigen Wochen ist Hohn als mächtiger Aktionär auch hier zu Lande ein Begriff je nach Blickwinkel nun als Staatsfeind oder als potenzieller Bundesverdienstkreuzträger.

LONDON. Der Mann ist unscheinbar bis schmächtig. Das dunkle Haar trägt er meist akkurat gescheitelt, die Brille ist randlos und von zeitlosem Schick, sein Lächeln sanft. Er posiert ungerne für Bilder. Und sein Hedge-Fonds trägt einen Namen, den kaum ein Außenstehender, schon gar nicht einer in Deutschland, vorher je gehört hat: Christopher Hohn ist Chef von „The Children’s Investment Fund Management“ (TCI).

Jetzt aber, seit einigen Wochen, ist er als mächtiger Aktionär auch hier zu Lande ein Begriff, je nach Blickwinkel nun als Staatsfeind oder als potenzieller Bundesverdienstkreuzträger. Als ein Mann, der entweder der Gattung Heuschrecke zuzurechnen ist, oder als eine Art Heilsbringer, der endlich die Deutschland AG knackte.

Tatsächlich vereitelte vor allem Hohn einen lange geplanten Coup: Werner Seifert, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, wollte den Londoner Konkurrenten übernehmen. Hohn aber passte die Strategie nicht, die Aktion schlug fehl. Mehr noch: Seifert verlor darüber seinen Job. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Börse, Rolf Breuer, sowie drei weitere Aufseher werden ihm folgen. Alles Themen, die morgen auch die Agenda der Börsen-Hauptversammlung beherrschen werden.

Ende vergangener Woche hat sich in den Fall nun auch noch die Börsenaufsicht eingeschaltet. Behördenchef Jochen Sanio prüft, ob Hohn zusammen mit anderen Fonds ein konzertiertes und damit gesetzwidriges Vorgehen bei der Deutschen Börse AG nachgewiesen werden kann.

Hohn dürfte das alles wenig beeindrucken. Risiken einzuschätzen gehört zu seiner täglichen Arbeit. Selbst wenn er zusammen mit Fidelity und anderen Fonds eine Absprache getroffen hätte – was alle Beteiligten weit von sich weisen –, dürfte er so klug gewesen sein, keine Beweise zu hinterlassen. Unterschätzen sollte man Hohn auf keinen Fall.

Seifert tat es, und es kostete ihn die Karriere. Das Aus des Schweizer Spitzenmanagers kündigte sich schon beim ersten Treffen mit Hohn an. Als der TCI-Mann dem damaligen Chef der Börse eröffnete, dass er ein größeres Aktienpaket erworben habe und die Übernahmepläne für die London Stock Exchange zu dem Preis nicht goutiere, wies Seifert ihn brüsk zurück. Niemand anderes als er, Seifert, habe darüber zu entscheiden. Hohn als Aktionär habe ihm schon gar nichts zu sagen. Die Reaktion fiel derart harsch aus, dass sich Hohn in seiner persönlichen Ehre gekränkt fühlte. Fortan ging es für ihn um mehr als Geld. Er startete seinen persönlichen Rachefeldzug.

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