Wolfgang Anzengruber
Mann der klaren Worte

Der neue Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber meistert seinen ersten Auftritt vor den Aktionären von Österreichs größtem Stromanbieter. Er schaffte es ohne Parteibuch an die Spitze des halbstaatlichen Konzerns.

WIEN.Es ist sein erster Auftritt vor den Aktionären, doch von Aufregung keine Spur. Als ob er schon Jahre Österreichs größten Stromkonzern leiten würde, so betritt Wolfgang Anzengruber gestern das Podium auf der Hauptversammlung der Wiener Verbund AG. Doch bei dem halbstaatlichen Konzern ist er eigentlich noch ein ziemlicher Anfänger. Erst zu Jahresbeginn hat er den Spitzenposten übernommen.

Seine Zielstrebigkeit ist der Grund, warum ihn der Verbund-Aufsichtsrat im Sommer vergangenen Jahres zum neuen Spitzenmann berufen hat. In der Strombranche gilt Anzengruber in Österreich als exzellenter Manager, mit rascher Auffassungsgabe, Entschlusskraft und sozialem Gespür. Mit öffentlichen Auftritten vor den eigenen Aktionären hat er kein Problem: Vor dem Wechsel nach Wien zum Verbund war er Vorstandschef beim österreichischen Kranbauer Palfinger, ebenfalls ein börsennotiertes Unternehmen.

Verbund-Chef in Österreich zu sein ist keine ganz einfache Aufgabe. Denn 51 Prozent der Unternehmensanteile gehören immer noch dem Staat - und der Wirtschaftsminister macht kräftig von seinem Mitspracherecht Gebrauch. Außerdem werden Spitzenposten wie beim größten nationalen Stromkonzern immer noch nach Parteibuch vergeben. Sozialdemokraten und die konservative Volkspartei ÖVP teilen sich die Positionen in staatsnahen Unternehmen liebend gern untereinander auf. So war es auch beim Verbund Mitte vergangenen Jahres, als der Aufsichtsrat nach einem neuen Konzernchef Ausschau hielt. Schon recht früh gab es eine klare Favoritin: Ulrike Baumgartner-Gabitzer, damals schon Mitglied des Verbund-Vorstandes. Sie hatte gewichtige Fürsprecher auf ihrer Seite. Eine langjährige politische Karriere in der ÖVP lag hinter ihr, außerdem ist sie eine enge Vertraute des früheren Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel. Aber trotzdem schaffte sie es nicht.

"Weil sich der Aufsichtsrat endlich einmal von fachlichen Kriterien leiten ließ", sagt ein Kenner der Wiener Szene. Und so wurde am Ende Wolfgang Anzengruber der neue Chef beim Verbund - obwohl er keine besonders engen Parteibindungen hatte. In Österreichs Stromwirtschaft ist der 52-jährige Maschinenbau-Ingenieur eine feste Größe. Vor seiner Zeit bei Palfinger war er lange Jahre Chef des Salzburger Landesversorgers und arbeitete zuvor bei ABB. Beim Verbund ist er Chef eines Unternehmens mit 2 500 Mitarbeitern und 3,7 Milliarden Euro Umsatz.

Anzengruber nimmt kein Blatt vor den Mund und liebt die klaren Worte. Für manchen Österreicher ist er fast schon zu direkt und nicht diplomatisch genug. Aber in einem Punkt ist er ganz und gar Österreicher: Er gilt als leidenschaftlicher Besucher von Kaffeehäusern. Der Familienvater gibt sich offen und scheut sich nicht davor, auch Persönliches preiszugeben. So erzählt er bereitwillig vor Publikum davon, dass sein Jahressalär beim Verbund bei 800 000 Euro liegt.

Bei seiner ersten Verbund-Hauptversammlung hat er verhältnismäßig leichtes Spiel. Bringt er seinen Aktionären doch eine höhere Dividende mit. Außerdem hat er das Versprechen im Gepäck, dass der Konzern trotz Krise in diesem Jahr wieder ähnlich gut verdienen wird wie 2008. Auch die Analysten an der Börse sind zufrieden. "Die Aktie ist ein attraktiver Kauf", glaubt beispielsweise Gregor Kirstein vom Bankhaus Sal. Oppenheim. Strom geht eben auch in schlechten Zeiten gut.

Wolfgang Anzengruber ist trotzdem nicht ganz zufrieden. Er würde gern zusätzliche Wasserkraftwerke bauen, schon jetzt das große Plus des Verbunds. Doch Umweltschützer lassen ihn nicht, weil sie Raubbau an der Landschaft fürchten. Der Vorstandschef könnte daran fast verzweifeln: "Wir würden doch mit dem Bau neuer Kraftwerke auch für eine Konjunkturbelebung sorgen."

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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