Wolfgang Eder
Die Ruhe selbst

Wolfgang Eders große Stärke ist seine Gelassenheit. In der Krise entwirft er für den österreichischen Stahlriesen Voestalpine eine neue Strategie.

WIEN. Mit festem Blick, aber auch mit einem gewissen Schmunzeln auf den Lippen schaut Wolfgang Eder in die Kameras. Es ist der Tag der Bilanz-Pressekonferenz der Voestalpine AG, Österreichs großer Stahlkonzern. Eder hat einen vergleichsweise guten Zeitpunkt erwischt. Er muss keine neue Kurzarbeit und keine Entlassungen verkünden. Vielmehr kann er vor großem Publikum verbreiten, dass sein Unternehmen trotz Krise noch vergleichsweise gut verdient hat.

Wolfgang Eder ist der Herr des Geschehens auf dem Podium . Die wichtigsten Fragen beantwortet er. Hat er ausnahmsweise einmal keine Antwort, delegiert er weiter. Doch das passiert eher selten. Seinen Vorstandskollegen droht die Statistenrolle.

Als Eder vor fünf Jahren neuer Chef bei Voestalpine wurde, war die Welt noch ziemlich in Ordnung. Umsatz und Ertrag kletterten unaufhaltsam, die Aktionäre freuten sich von Jahr zu Jahr über eine höhere Dividende. Der Stahlboom schien nicht aufzuhalten zu sein, alles lief wie geschmiert.

Wolfgang Eder hatte eigentlich keine allzu herausfordernde Aufgabe damals. Sein größtes Problem bestand darin, wie er die unaufhörlich wachsende Nachfrage seiner Kunden überhaupt noch befriedigen konnte. Und höhere Rohstoffpreise machten ihm allenfalls noch Sorgen. In solch einem unternehmerischen Umfeld sitzt auch das Geld locker: Vor zwei Jahren legte Eder ungefähr 3,8 Milliarden Euro auf den Tisch, um den österreichischen Edelstahlhersteller Böhler-Uddeholm zu kaufen und so in die erste Liga der europäischen Stahlkonzerne aufzusteigen – aus heutiger Sicht wahrscheinlich ein zu hoher Preis.

Viel hat sich für den studierten Juristen Eder in den vergangenen Monaten geändert. Aus dem Verteiler von Stahl ist ein Krisenmanager geworden, der plötzlich vor ungeahnten Herausforderungen steht:

Etwa 10 000 von insgesamt 40 000 Voestalpine-Beschäftigten sind von Kurzarbeit betroffen, an die 3 500 Stellen hat der Konzern wegen der Stahlflaute bereits komplett streichen müssen. Und wenn die wirtschaftliche Lage noch ein wenig schlechter wird, könnte der Stahlkonzern aus dem oberösterreichischen Linz im laufenden Geschäftsjahr erstmals seit Jahrzehnten wieder rote Zahlen schreiben.

Im vergangenen Jahr hat es immerhin noch für einen ordentlichen Überschuss von 612 Millionen Euro gereicht (minus 18 Prozent). Die neue (Krisen-)Lage bekommen die Aktionäre allerdings mit einer halbierten Dividende zu spüren.

Wolfgang Eder bleibt trotzdem ruhig. Wahrscheinlich ist Gelassenheit auch eine der ganz großen Stärken des Mannes mit den kurzen, grauen Haaren, der in der Öffentlichkeit die ganz lauten Töne in aller Regel scheut. Der 57-Jährige fällt allenfalls einmal mit einer bunten Krawatte auf, ansonsten pflegt er eine vornehme Zurückhaltung.

Was manche vielleicht als Nachteil empfinden würden, ist in der aktuellen Krise für Eder vielleicht sogar ein großer Vorteil: Seine starke Verwurzelung in Linz und im Bundesland Oberösterreich. Eigentlich ist der Stahlmanager aus seiner Heimatregion nie so richtig herausgekommen. Das Jura-Studium im benachbarten Salzburg war die einzige längere Zeit, die er außerhalb seines Heimat-Bundeslandes verbracht hat.

In den 70er-Jahren steigt der zweifache Familienvater nach dem Studium recht schnell beim Linzer Stahlriesen ein. Dort schafft er es in vergleichsweise kurzen Abständen in der Hierarchie immer ein Stück weiter nach oben – bis er im Jahr 2004 den Vorstandsvorsitz übernimmt.

Jetzt also sind erstmals Eders Fähigkeiten als Krisenmanager so richtig gefragt. Er bezeichnet sich selbst als Realisten, der jedermann reinen Wein einschenkt und nichts beschönigt. „Wir sind noch nicht durch“, sagt er, „vor uns liegt eine lange und mühsame Erholungsphase“. Die aktuellen und kurzfristigen Programme zur Kostensenkung reichen aus seiner Sicht nicht aus, allein mit Kurzarbeit und Stellenabbau sei die Krise nicht in den Griff zu bekommen.

Der Vorstandschef von Voestalpine will seinem Konzern deshalb eine neue Strategie verordnen. „Jetzt ist die Zeit da, über die grundsätzliche Ausrichtung des Unternehmens nachzudenken“, glaubt er. Während des Stahlbooms habe es dafür keinen Raum gegeben.

Zwei Jahre gibt er sich, um die neue Strategie des Unternehmens zu entwickeln. Damit sollen Verkrustungen aufgebrochen und soll das Kerngeschäft freigelegt werden. Und natürlich will Eder so auch die Kosten deutlich senken: Mehrere 100 Millionen Euro sollen es sein, die der Konzern bei einem Jahresumsatz von etwa elf Milliarden Euro einsparen wird.

Eders Position im Unternehmen ist unangefochten. Er hat den Konzern in den zurückliegenden Monaten vergleichsweise unbeschadet durch die Krise gesteuert. Deshalb genießt er auch jetzt das Vertrauen der Aktionäre. Ludwig Scharinger, Chef der Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich, des größten Voestalpine-Aktionärs, schätzt Eder als „scharfen Analytiker und ideale Persönlichkeit für den Konzern“.

Das sollte eigentlich als Vertrauensvorschuss reichen, um den Krisenjob erfolgreich zu Ende zu bringen.

Wolfgang Eder

1952 Er wird am Attersee in Oberösterreich geboren.

1978 Nach einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Salzburg und der Promotion startet er seine Karriere beim staatlichen Industriekonglomerat Voest-Alpine. Dort baut er die Abteilung Gesellschaftsrecht auf.

1988 Eder wird zuständig für Konzernrecht und Beteiligungen und steigt 1991 zum Generalsekretär von Voest-Alpine auf und begleitet die Dreiteilung des Konglomerats.

1995 Im Sommer des Jahres bereitet er den Börsengang des Konzerns vor und steigt später in den Vorstand auf.

2001 Er wird Vize-Chef des Konzerns. Zudem ist er als Vorstandschef von Voest-Alpine Stahl für Flachstahl verantwortlich.

2004 Seit April ist er Vorstandsvorsitzender des Konzerns.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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