Wolfgang Ischinger
Das Gesicht der deutschen Diplomatie

Am Montag tritt Wolfgang Ischinger, bisher Botschafter in Washington, seinen Dienst in London an. Hinter ihm liegen turbulente Zeiten. Denn sein erster Arbeitstag in den USA war der 11. September 2001.

WASHINGTON. Manche Momente wird Wolfgang Ischinger, 60, bis an sein Lebensende nicht vergessen. Zum Beispiel jenen Auftritt beim US-Fernsehsender „Fox“ am 22. August 2002. „Im Zweiten Weltkrieg haben wir euch den Arsch gerettet: Ist das jetzt der Dank?“ giftet der erzkonservative Talkshow-Moderator Bill O’Reilly. Kurz zuvor hat Bundeskanzler Gerhard Schröder durch seine ablehnende Haltung zum bevorstehenden Angriff auf den Irak das Weiße Haus mächtig gegen die Bundesregierung aufgebracht.

Doch Ischinger, damals seit einem Jahr deutscher Botschafter in Washington, pariert die Attacke kühl. „Bill, ich bin wirklich froh, dass Sie nicht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sind.“ Um dann in aller Ruhe darzulegen, dass ein Krieg gegen Saddam Hussein riskant sei und mit äußerster Sorgfalt bedacht werden müsse.

„Im Rückblick war dies die spannendste Zeit meiner 31-jährigen Laufbahn“, sagt Ischinger. Der Top-Diplomat, der unter dem früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher gelernt hat, befindet sich damals im Dauereinsatz. Gegenüber der amerikanischen Öffentlichkeit agiert er über Wochen als Krisenmanager und Politikverkäufer. Deutschland, von den USA über Jahrzehnte als Musterverbündeter geschätzt, war 2002 und 2003 in die Rolle des politisch unzuverlässigen Buhmanns geraten. „Ich wollte damals den Eindruck vermitteln, dass wir eigentlich ganz nette Kerle sind“, beschreibt der Diplomat im Rückblick seinen Kurs.

Doch nun hat Ischinger seine Mission erfüllt, die turbulenten transatlantischen Jahre sind zu Ende. Am Montag beginnt er seinen Dienst an der Spitze der deutschen Botschaft in London. Dann liegen fast fünf Jahre Washington hinter ihm, die dramatischer nicht hätten beginnen können.

Sein erster Arbeitstag in den USA war der 11. September 2001. Als er an jenem Morgen um 7.30 Uhr sein Büro betritt, ist die Putzfrau noch zu Gange. „Kurz vor neun kam mein persönlicher Referent zur Tür hereingestürmt und rief: ‚Machen Sie sofort Ihren Fernseher an!’“ erinnert sich Ischinger. Wenig später sieht er durch sein Bürofenster, wie dichte Rauchwolken aus dem Pentagon aufsteigen. „Mir war gleich bewusst, dass der Schock für die Amerikaner größer sein würde als der nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor 1941.“ Bereits wenige Stunden nach den Anschlägen übermittelt er einen Schlüsselsatz nach Berlin: „Ohne Zweifel werden die USA von uns und anderen engen Alliierten politisch und praktisch uneingeschränkte Solidarität erwarten.“ Eine Formulierung, die zwei Tage später Gerhard Schröder gebrauchen wird.

Dass der 11. September die Koordinaten im Weißen Haus verschoben hat, spürt Ischinger zum ersten Mal im Oktober 2001. In einer historischen Sitzung erklärt die Nato die Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon zum Bündnisfall. Die Verteidigungsminister aller Na-to-Staaten sind nach Brüssel gekommen – bis auf Donald Rumsfeld, der seinen Vize Paul Wolfowitz schickt. „Ab diesem Punkt war mir klar, dass die Amerikaner angesichts der existenziellen Herausforderung anders mit der Allianz umgehen würden als in der Vergangenheit“, unterstreicht Ischinger. „Damals war die Regierung in Washington von neokonservativem Gedankengut beflügelt nach dem Motto: ,Wir machen das zunächst alleine.’“

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