Wulf Bernotat soll Eon-Konzern in Form bringen
Sein Motto: „Just do it“

Es ist sein erster öffentlicher Auftritt im neuen Amt. Heute wird Eon-Chef Wulf Bernotat in der Düsseldorfer Zentrale die künftige Führungsstruktur des Energiekonzerns präsentieren. Finanzanalysten, Investoren und die 110 000 Mitarbeiter sind gespannt. Von seinen Umbauplänen ist bisher noch so gut wie nichts in die Öffentlichkeit durchgesickert. Die Halbjahreszahlen von Eon werden da fast zur Nebensache.

HB DÜSSELDORF. Am 1. Mai hat Bernotat, 54, mittelgroß und mittelschlank, das Kommando in der Konzernzentrale am Eon Platz 1 übernommen. Sein Vorgänger Ulrich Hartmann, 65, machte aus dem einstigen Gemischtwarenladen, entstanden aus der Fusion von Veba und Viag, einen der größten Energiekonzerne der Welt. Für 80 Milliarden Euro hat Hartmann in den vergangenen drei Jahren Firmen ge- und verkauft. Nun soll Bernotat das Gebilde mit 40 Milliarden Euro Umsatz zu einer schlagkräftigen Einheit zusammenfügen.

Der promovierte Jurist hat die ersten 100 Tage seiner Amtszeit genutzt, um die Mannschaft auf seinen Kurs einzuschwören. Mitte Juli lud er 70 Führungskräfte des Konzerns in das Fünf-Sterne-Hotel Son Vida auf Mallorca ein. Doch statt Luxus und entspannten Golfens gab es bei brütender Hitze nur Workshops, Fachvorträge und Gruppenarbeit. Hauptthema: das Strategie- und Strukturprojekt „on top“, an dem Dieter Heuskel mitwirkte, Chef von Boston Consulting in Deutschland.

Die wichtigste Änderung gegenüber der Hartmann-Ära: Bernotat nimmt die Tochtergesellschaften enger an die Leine. War Eon vorher eine reine Finanzholding, so reklamiert Bernotat einen klaren Führungsanspruch der Zentrale. Jeder Bereich muss in Zukunft zumindest seine Kapitalkosten verdienen.

Bernotats Aufgabenstellung bei Eon gleicht der des Niederländers Harry Roels bei RWE. Auch der neue Chef des Essener Erzrivalen muss die milliardenteuren Zukäufe seines Vorgängers Dietmar Kuhnt integrieren, um RWE wieder in Schwung zu bringen. Es gibt noch weitere Gemeinsamkeiten: Roels und Bernotat sind gleich alt, beide kommen aus der Mineralölbranche, beide sind international erfahren, beide bereisten für den britisch-niederländischen Multi Royal Dutch/ Shell einst die halbe Welt.

Seltene Spezies

Managertypen wie er – offen, teamorientiert und polyglott – sind äußerst selten im Ruhrgebiet, wo über Karrieren traditionell noch in kleinen Machtzirkeln entschieden wird. Der Seiteneinsteiger, der vier Fremdsprachen fließend spricht, erleidet einen Kulturschock, als er 1996 aus dem mondänen Paris ins montane Gelsenkirchen wechselt. Bernotat, der zuletzt das nationale Tankstellengeschäft von Shell in Frankreich managt, wird Vorstand bei Veba Oel.

Starre Arbeitszeitregelungen für einfache Tarifangestellte, saftige Bußgelder bei Verstößen, das kannte er bislang nicht. Bernotat, dem „Lagerdenken gegen den Strich geht“, legt sich mit der Arbeitnehmerfraktion im Aufsichtsrat an. Die verpasst ihm einen Denkzettel und will der Verlängerung seines Vorstandsvertrags nicht zustimmen.

Doch er hat Glück. An einem trüben Novembermorgen 1998 klingelt bei ihm zu Hause im Essener Nobelviertel Bredeney das Telefon. Konzernchef Hartmann bietet ihm den Chefposten beim Mülheimer Logistikunternehmen Stinnes an. Bernotat ist baff. Wurde die Stelle nicht gerade neu besetzt? Und, fragt sich der Fußballfan (Borussia Dortmund), ist es klug, kurz vor dem geplanten Börsengang den Mannschaftskapitän auszuwechseln? Doch Hartmann lässt nicht locker. Zwölf Stunden Bedenkzeit räumt er ein, mehr nicht. Noch am Abend sagt Bernotat Ja und macht sich an die Arbeit.

Er trifft bei Stinnes auf ein Unternehmen wie aus dem Ahnenbuch der Ruhrbarone, nach Gutsherrenart geführt, voll skurriler Privilegien. Als Erstes bittet er die Pförtner, nicht mehr den Lift zu holen, sobald die Cheflimousine vorfährt. Titel wie „Generalbevollmächtigter“ oder „Direktor“? Überflüssig. Regelmäßige Treffen der Führungskräfte im Wiesbadener Edelrestaurant „Ente“? Abgeschafft. Stattdessen erfindet Bernotat den Mittagstisch, eine gemeinsame Mahlzeit mit einer Hand voll Leuten aller Hierarchieebenen im Haus. „Ich will ein Feedback der Basis auf das, was wir im Elfenbeinturm entscheiden.“

Es ist diese Mixtur aus Lockerheit und Wissbegierde, mit der es dem Zigarilloraucher (Marke „Petit Nobel“) gelingt, die Leute für sich einzunehmen. Eine Hand in der Hosentasche, die andere am Revers, „denkt er sich verdammt schnell in neue Sachverhalte hinein und stellt dann gescheite Fragen“, bescheinigen ihm Techniker der Konzerntochter Ruhrgas. Und er ist entscheidungsstark. Sein Motto: „Just do it“.

Natürlich sind jetzt die Sorgen der Mitarbeiter groß. Bernotat wird Arbeitsplätze streichen müssen, um seine Renditeziele zu erreichen. Konflikte mit den Arbeitnehmervertretern sind programmiert, aber er wird sie auf seine Art lösen: sachlich, nüchtern, zweckmäßig. Nie habe er bei Stinnes den Chef raushängen lassen, sagt ein Betriebsrat. Er bemühe sich um „ein partnerschaftliches Verhältnis, vermeide aber das Kumpelhafte“.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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