Wulff wird zum Schutzschild
VW-Machtkampf: Der heilige Christian

Im Machtkampf um Volkswagen hat Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff plötzlich alle Karten in der Hand. Ausgerechnet der forsche Ansturm der Porsche-Spitze auf die Festung Wolfsburg hat den CDU-Politiker zur allseits umworbenen und zentralen Figur im Machtpoker gemacht. Die Freundlichkeit des 49-Jährigen überdeckt dabei die Härte der eigenen Position.

POZNAN. In der futuristisch ausgeleuchteten Produktionshalle des VW-Werks in Poznan sitzt Christian Wulff in der ersten Reihe und lauscht dem polnischen Orchester „Harmonie des Herzens“. Niedersachsens Ministerpräsident ist rundum zufrieden. Gerade hat er polnischen Auszubildenden zu ihrem IHK-Abschluss zum Mechatroniker gratuliert. Hier in der polnischen Provinz macht der VW-Konzern genau das, was Wulff von ihm erwartet: Die Belegschaft hat sich in den vergangenen Jahren vervierfacht, die Autoproduktion des Modells „Caddy“ boomt, Volkswagen setzt erfolgreich auf Ausbildung und eine langfristige Entwicklung.

Das freut den Vertreter des Anteilseigners Niedersachsen, das 20,1 Prozent der VW-Aktien hält. Aber Wulff strahlt in diesen Tagen auch aus persönlicher Genugtuung. Monatelang hatten sie ihn eher spöttisch betrachtet, weil er erst erfolglos gegen VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, dann gegen den Einstieg von Porsche beim Wolfsburger Autokonzern gekämpft hatte. In der Welt zigarrenpaffender Manager wurde der verbindliche Politiker Wulff belächelt: Der 49-Jährige mit dem jungenhaften Gesicht galt als naiver Provinzler, der einfach nicht verstehen will, wie die harten Kräfte des Marktes und der Milliarden wirken. Die mächtigen IG-Metall-Vertreter ließen den CDU-Politiker lustvoll auflaufen.

Doch nun ist alles anders. Ausgerechnet der forsche Ansturm der Porsche-Spitze auf die Festung Wolfsburg hat Wulff zur allseits umworbenen, zur zentralen Figur im Machtpoker gemacht. Sogar Porsche-Chef Wendelin Wiedeking scheint plötzlich Kreide gefressen zu haben. Denn er spürt, dass sich die Sperrminorität Niedersachsens mit seinem Frontalkurs doch nicht so einfach beseitigen lässt. Die IG Metall in Wolfsburg sowie die Beschäftigten bei VW und Audi wiederum sehen den CDU-Ministerpräsidenten mittlerweile als ihren wichtigsten Schutzschild gegen eine Fremdbestimmung aus Zuffenhausen. Und sogar Wulffs alter Gegner Piëch braucht ihn heute. Nach seinem Bruch mit der Porsche-Familie kann sich der Autopatriarch nur noch mit den Stimmen Niedersachsens auf dem Posten an der Spitze des Aufsichtsgremiums halten.

Spätestens seit der letzten VW-Aufsichtsratssitzung und der Zustimmung des Bundesrats zum VW-Gesetz ist klar: Eine mächtige Allianz aus Bund, Land, dem VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und VW-Betriebsrat wird Niedersachsens Sperrminorität verteidigen und Porsches Beherrschungspläne torpedieren, wenn auch aus jeweils völlig unterschiedlichen Motiven.

Wulff kann also jubilieren – und gibt sich zumindest nach außen versöhnlich. Ohnehin hält er die in der Politik übliche, von Topmanagern aber oft verachtete Konsenssuche für die bessere Erfolgsmethode. Also ruft er nachdrücklich und überall dermaßen sanft zur Verständigung auf, dass er fast als „heiliger Christian“ erscheint. Eine Einigung zwischen VW und Porsche sei doch möglich, sogar im Interesse beider Firmen, mahnt der CDU-Vize versöhnlich. Und eine Ablösung Piëchs oder Wiedekings sei für einen Kompromiss doch überhaupt nicht nötig, lässt er seinen Finanzminister Hartmut Möllring großzügig streuen.

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