Yang Liu
Glückskind

Die Grafikdesignerin Yang Liu fühlt sich zwar in ihrem Herkunftsland China genauso fremd wie in ihrer neuen Heimat Deutschland. Doch sie macht das, was andere für eine Schwäche halten, zur Stärke: Das Niemals-Ankommen macht sie kreativ und zur echten Weltbürgerin.

DÜSSELDORF. Meinung? „Ich bin direkt – also deutsch.“ Pünktlichkeit? „Komme meist zu spät – chinesisch.“ Kontakte? „Viele und verworren – chinesisch.“ Wetter? „Schlägt mir auf die Stimmung – deutsch.“ Ärger? „Zeige ich nicht – chinesisch.“ Wahrheit? „Ich lüge nicht – deutsch.“ Schlaf? „Bei geschlossenem Fenster – chinesisch.“ Chefs? „Ich mag keine Hierarchien – das ist auf gar keinen Fall chinesisch, auch nicht deutsch, vielleicht amerikanisch.“

Mit ihrer Plakatausstellung „Ost trifft West“ hat die Grafikdesignerin Yang Liu den Nerv der deutsch-chinesischen Community getroffen. Das Auswärtige Amt, die Deutsche Botschaft in Peking und Universitäten beider Länder zeigen die Plakate. Unternehmen verteilen das Ausstellungsbüchlein an ihre Expats in Fernost. Die erste Auflage ist fast vergriffen. In einfachsten Piktogrammen hat die 31-jährige Grafikdesignerin die Unterschiede des Lebens in China und in Deutschland herausgefiltert: Weiße und schwarze Männchen auf blauem Grund – die Farbe steht für das rationale, kühle Deutschland. Daneben das chinesische Gegenstück auf Zinnoberrot. Es sind Wegweiser für Verhalten, Lebensgefühl und Normen zweier Gesellschaften.

Hält man Yang Liu das Büchlein unter die Nase und fragt sie nach ihren eigenen Lebensgewohnheiten, liefert sie ein ausgewogenes Bild: Elf Mal entscheidet sie sich für den deutschen Weg, neun Mal für China, sieben Mal unentschieden. Eine Ausgewogenheit, die ihre Zerrissenheit spiegelt. Denn Yang Lius Geschichte ist die einer Frau, die nicht ankommt. Die zu keiner Kultur gehört, aber auch irgendwie zu beiden. Die sich aber schon lange nicht mehr darum schert, weil sie aus dem Grenzüberschreiten menschliche Stärke und künstlerische Kreativität zieht.

Yang Liu wird 1976 in Peking geboren, am Tag, an dem die Viererbande verhaftet wird, der Schlusspunkt der verheerenden Kulturrevolution. Der große Steuermann Mao Zedong hat vor ein paar Monaten das Zeitliche gesegnet. Die Chinesen hatten in den vielen Erdbeben und Naturkatastrophen des Jahres Vorzeichen für tiefgreifende Veränderungen gesehen. Ein Drachenjahr.

Die Beben halten die Menschen in ständiger Wachsamkeit und Yangs Mutter lebt den Großteil ihrer Schwangerschaft auf der Straße. Ihre Hoffnungen legt sie in den Namen ihrer Tochter: „Liu Yang“ bedeutet „im Ausland leben“. Kein sonderlich origineller Name, viele Kinder dieser Generation – Mädchen wie Jungen – heißen so und tragen die Sehnsüchte nach Prestige, Reisen und Freiheit dieser jahrelang in engen Grenzen gehaltenen Generation im Namen. Für Yang Liu ist der Name Schicksal.

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