Yannis Costopoulos
Vom Jäger zum Gejagten

Solche Überraschungen liebt Yannis Costopoulos. Wieder einmal hat der Präsident der Alpha Bank, des drittgrößten griechischen Kreditinstituts, die Erwartungen der Analysten übertroffen: 129 Mio. Euro Nettogewinn im zweiten Quartal, das sind zwar krisenbedingt 38 Prozent weniger als im Vorjahr – aber die Analysten hatten nur mit 95,4 Mio. gerechnet.

ATHEN. Immer die Nase vorn zu haben, diese Maxime verfolgte Costopoulos sein Leben lang. Davon künden in seinem Büro die Pokale, die er als Skipper bei zahllosen Segelregatten eingefahren hat. Zwar ist der heute 71-Jährige klug genug, inzwischen bei Wettfahrten das Ruder Jüngeren zu überlassen. Aber Costopoulos' High-Tech-Yachten, die alle nach einem Sagenhelden aus der Odyssee „Okyalos“ heißen, fahren immer noch reihenweise Siege ein. Alle paar Jahre lässt Costopoulos ein neues, noch schnelleres Schiff bauen. Aktuell ist er bei „Okyalos XV“ angelangt. Costopoulos ist vom Fach: Er studierte am King's College der englischen Durham University Schiffbau.

Aber dann besann sich der passionierte Segler auf seine eigentliche Berufung, das Banking – eine Rolle, in die er quasi hineingeboren wurde: Sein Großvater John F. Costopoulos hatte das Institut 1879 in Kalamata auf dem Peloponnes gegründet. 1963 trat der Enkel in die Bank ein. Fast fünf Jahrzehnte später gilt er als Doyen der Branche, ist Griechenlands bekanntester Banker – und zugleich ein Unbekannter: Über sein Privatleben weiß die Öffentlichkeit nichts, das schottet Costopoulos systematisch ab. Sein offizielles Curriculum Vitae umfasst nur neun dürre Zeilen und gibt nicht einmal das genaue Geburtsdatum preis. Das Lächeln, die Jovialität, die er in der Öffentlichkeit zeigt – das ist nur ein Gesicht. In der Bank führt Costopoulos ein strenges Regiment. „Er ist ein geachteter, aber auch gefürchteter Patriarch“, sagt ein früherer Mitarbeiter. Im Büro des Bankers an der Athener Stadiou-Straße dominieren edle Hölzer, gediegene Ledergarnituren und wertvolle Schiffsmodelle. Man sieht: Das Meer hat ihn nicht losgelassen.

Regatten fährt er zwar nicht mehr, aber das Steuer bei der Alpha Bank hält er immer noch fest in der Hand – was manche in der Branche kritisieren: Er habe längst loslassen und die Führung in jüngere Hände legen müssen, meinen einige Analysten. Viel zu lange habe Costopoulos überdies ignoriert, dass ein international doch recht kleines Institut wie die Alpha Bank langfristig nur mit einem starken ausländischen Partner überleben kann. Tatsächlich zeigte Costopoulos lange allen ausländischen Interessenten die kalte Schulter. Stattdessen steuerte er 2002 eine Fusion mit dem Marktführer National Bank of Greece (NBG) an. Doch die von Costopoulos und NBG-Chairman Theodoros Karatzas unter vier Augen arrangierte Traumhochzeit platzte: weil Management und Belegschaften beider Institute aufbegehrten, musste der Zusammenschluss abgeblasen werden – eine schmachvolle Niederlage für Costopoulos, der bis dahin als der gewiefteste Fuchs unter den griechischen Bankern galt.

Mit dem Schiffbruch wurde er vom Jäger zum Gejagten. Nach mehreren Kapitalerhöhungen hält die Familie Costopoulos nur noch elf Prozent an der Bank. Alpha galt als Übernahmekandidat. Dann holte Costopoulos vergangenes Jahr den Finanzinvestor Paramount aus Katar an Bord, mit zunächst vier Prozent. Die Scheichs dürften ihren Anteil künftig aufstocken. Damit scheint die Bank gegen feindliche Übernahmen gewappnet. Und nach den überraschend guten Quartalszahlen ist Costopoulos auch wieder optimistischer für das operative Geschäft: Das zweite Quartal habe „nach einer Periode außerordentlich großer Ungewissheit eine Tendenz zur Stabilisierung“ gezeigt. Damit, so der Alpha-Steuermann, gewinne die Bank „Handlungsspielraum für die Zukunft“.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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