Yossi Vardi
Der Vorzeige-Kapitalist

Yossi Vardi gehört zu den erfolgreichsten Start-up-Unternehmern weltweit. In der Krise rät er internationalen Investoren, auf wen sie setzen sollen.

TEL AVIV. Er ist so etwas wie ein Trüffelsucher für die Hochtechnologie-Branche. Ob Internet, Software, Telekommunikation, Energie oder Umweltschutz – in den vergangenen vier Jahrzehnten hat Yossi Vardi gleich mehrere Dutzend Firmen in Israel gegründet und sie zum Laufen gebracht. Als „Start-up-Guru“ bezeichnet das US-Magazin „Business Week“ den Mann mit der hohen Stirn und dem auffälligen Schnurrbart.

Wer an Israel als einen der innovativsten High-Tech-Zentren der Welt denkt, kommt an Vardi nicht vorbei. Und deshalb reist er jetzt wieder nach Kalifornien, um US-Investoren die besten Jungfirmen Israels vorzustellen – Hoffnungswerte in der Krise.

Vor gut zehn Jahren sorgte er für eine Sensation: Vardi hatte mit seinem Sohn die Firma Mirabilis gegründet und mit einer Handvoll Mitarbeitern das Chatprogramm ICQ entwickelt. Schon nach zwei Jahren verkaufte er Mirabilis für 400 Millionen Dollar an den Giganten AOL. Vardi wurde reich – und weltweit bekannt.

Inzwischen gilt Mirabilis als Vorbild für israelische Technologiefirmen. Der kleine israelische Markt zwingt Unternehmer, global zu handeln – und Vardi macht den Jungunternehmern vor, wie sie mit guten Ideen ausländische Investoren gewinnen. Der 67-jährige Vardi gehörte bei vielen Start-ups des Landes, die inzwischen längst etabliert sind, zu den Gründern. An vielen ist er noch beteiligt. Konzerne wie AOL, Amazon oder Siemens-Albis holen sich beim Investor aus Israel Rat.

Trotz des Ruhms – Vardi sei Israels bester Botschafter in der Welt der Wissenschaft und Technologie, sagt Staatspräsident Schimon Peres – ist er bescheiden geblieben. Sein Büro liegt nach wie vor im Untergeschoss seines Hauses in einem Tel Aviver Vorort. Von dort aus lenkt er ohne Allüren seine Firmen. Vardi verzichtet auf eine Sekretärin. Lieber notiert er seine Termine auf Papier und seine Adressen auf Karteikarten.

Seine Karriere beginnt seinerzeit ganz unspektakulär als Beamter: Mit 27 Jahren wird er Generaldirektor des israelischen Entwicklungsministeriums. Später übernimmt er einen vergleichbaren Job im Energieministerium. Doch das Leben im öffentlichen Dienst reicht ihm nicht. Er will eigene Ideen verwirklichen. Er gründet oder leitet in den folgenden Jahren rund 60 Firmen – darunter Israel Chemicals oder ITL Optronics. Zudem engagiert er sich in einem Bereich, für den sich seine High-Tech-Kollegen sonst nicht interessieren: Politik. Er berät Politiker in Nahostfragen und leitet die Wirtschaftskooperationsverhandlungen mit Jordanien, Syrien und den Palästinensern.

Technologiefreak Vardi weiß seitdem, dass trotz aller virtuellen Kommunikation eins unverzichtbar ist: der persönliche Kontakt – ein Leitgedanke, den er auch als Investor beherzigt. „Ich suche vor allem nach talentierten Leuten“, sagt er, „nach Menschen, die sich auf eine Anwendung konzentrieren und schnell denken.“ Bei den Präsentationen seiner Start-ups gibt er den jungen Entwicklern genau zwei Minuten Zeit, um ihre Projekte zu präsentieren. Danach stellen sich die Erfinder neben ihr Notebook und erläutern ihre Ideen. Er hält nichts von Business-Plänen oder Power-Point-Präsentationen.

Aber nach welchen Kriterien entscheidet er, wem er eine Chance geben will? Vardi verlässt sich auf ein Gremium von jungen Menschen, die ihre gleichaltrigen Kollegen kennen und wissen, was am Markt passiert. Niemand bekommt von ihm einen Termin, geschweige denn Geld, der nicht diese Gruppe überzeugt. Und er legt sehr viel Wert darauf, dass die jungen Erfinder „nett und ehrlich“ sind, einen guten Charakter haben. Das Investment – Vardi betrachtet es als eine Art Stipendium – sei riskant. Wenn Start-ups auf null abgeschrieben werden müssen, wolle er wenigstens das Gefühl haben, das Geld einem „nice guy“ gegeben zu haben.

Trotz seines Alters ist Vardi noch voll von Ideen und Tatendrang. Die Startphase interessiere ihn am meisten („Ich sehe gerne, wie die Firmen wachsen und abheben“). Am liebsten investiert er in einem sehr frühen Stadium, wenn das Risiko am größten ist. Dort, wo die meisten Investoren zurückschrecken, fühle er sich am wohlsten.

Seine Firma „International Technologies“ investiert derzeit in mehreren Dutzend Jung-Unternehmen. Es sei für ihn keine Katastrophe, wenn jede fünfte Neugründung nach kurzer Zeit die Erwartungen nicht erfülle. Das werfe ihn finanziell nicht um, denn „eine erfolgreiche Firma kann nicht nur das 10- bis 20-Fache des investierten Kapitals zurückbringen, sondern auch Flops kompensieren“.

Es gäbe in Israel und in den USA mehr Toleranz gegenüber unternehmerischen Rückschlägen als in Europa oder Japan, sagt er. Nach einer Niederlage gebe man in Israel nicht klein bei. „Wir sind wie Stabhochspringer“, sagt Vardi, „wenn die Latte gefallen ist, trainieren wir weiter und versuchen's noch einmal.“

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