Zahlen zählen bei Linde, keine Gefühle
Der Großstapler

Wolfgang Reitzle und Linde: Zwei Welten treffen aufeinander – und lernen doch, sich zu arrangieren. Das Ergebnis: Linde ist auf gutem Weg.

WIESBADEN. Die Gegend am Rande Wiesbadens ist hässlich, das Haus ein eckiger Betonwürfel. Und das Beste, was man vom Konferenzraum sagen kann, ist, dass die Rollos die Sicht nach draußen aufs Gewerbegebiet versperren.

Und doch! Auch hier findet man Geschmack und Stil. Sechs Designerentwürfe stehen Papierbogen an Papierbogen auf dem Sideboard und warten auf eine Entscheidung. Es geht um ein neues Logo; das alte sieht aus wie ein Aufnäher an der Uniform eines Jagdfliegers aus dem Ersten Weltkrieg.

Wolfgang Reitzle läuft dreimal an den Entwürfen vorbei. Seine Schuhe sind spitz und glänzend, sehr scharf und jugendlich geschnitten ist der blaue Anzug, noch blauer sind nur die Augen, die die Blätter entlanghuschen. „Geben Sie mir noch eine Minute, dann sage ich Ihnen meine Meinung“, kündigt er den Managern um sich herum an. Dann räumt er drei Logo-Entwürfe weg. „Sieht aus, als klebte es auf einem Segelboot“, sagt er. Oder: „Das würde ich vergessen. Da ist man Gefangener der alten Welt.“

Er greift zu einem Entwurf, der eine stilisierte Weltkugel zeigt. „Das ist ein Superangebot. Da brauche ich keine fünf Minuten, um zu sehen, dass das die überzeugende Lösung ist“, meint er, und jeder im Raum weiß: Ja, genau, da hat er Recht. Aber ich hätte es nicht so schnell erkannt.

Wolfgang Reitzle, der Erbauer schöner und schneller Autos, der Mann des Luxus und des Erfolgs: Hier ist er in seinem Element. Das Blau noch ein bisschen freundlicher, rät er und sagt, dass Blau aber auf jeden Fall besser sei als Grün, denn das kenne er noch von Jaguar, und egal, was man gemacht habe, die Overalls des Formel-1-Teams von Jaguar hätten immer unterschiedliche Grüntöne gehabt. Wie gebannt hören alle zu, und für einen Moment dringt hier in den Konferenzraum in dem hässlichen Betonwürfel inmitten des Gewerbegebiets ein Hauch von großer Welt hinein. Fast könnte man vergessen, dass es nicht um das Logo einer Autofirma geht, nicht einmal um das des Gase- und Gabelstaplerherstellers Linde, sondern nur um das Erkennungszeichen einer so kleinen Linde-Logistik-Tochter, dass keiner sie kennt und deren Logo die wenigsten je kennen lernen werden.

Wolfgang Reitzle, ehemals BMW-Entwicklungschef, fast einmal BMW-Vorstandsvorsitzender, dann bei Ford für die Luxusmarken zuständig, und seine neue Firma: dies ist der größtmögliche Gegensatz in der Top-Etage der deutschen Wirtschaft. Und er weiß es: „Linde ist genau das Unternehmen, das am wenigsten zu dem Klischee von mir passt. Und viele wollen partout nicht wahrhaben, dass ich mich hier wohl fühle.“

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