Zambranos Aufstieg hätte mehr Aufmerksamkeit verdient
Zement 2.0

Lorenzo Zambrano? Cemex? Namen, die nur den Kennern der Baubranche etwas sagen. Dabei können auch andere Branchen lernen von der Strategie des mexikanischen Zementkönigs.

SAO PAULO. Kürzlich wunderte sich noch ein Reporter der mexikanischen Klatschpresse: Lorenzo Zambrano sei so unauffällig und bescheiden, dass man ihn auf der Straße glatt übersehen könnte. Nun sind Wirtschaftsführer ja meist nur in den Schlagzeilen, wenn es mit ihren Unternehmen den Bach runtergeht, doch sollte man meinen, dass einer der erfolgreichsten Unternehmer Südamerikas, Nummer zwei auf der Liste der reichsten Menschen der Region, erstellt vom US-Magazin „Forbes“, doch eine gehörige Portion Ausstrahlung mitbringt.

Noch dazu studieren MBA-Studenten in der ganzen Welt die Fallstudie „The Cemex Way“ und fragen sich, wie es der „Economist“ tat: Wie konnte Zambrano das „unwahrscheinliche Kunststück gelingen, ein kleines Unternehmen aus einem armen Land in ein großes Unternehmen in vielen reichen Ländern zu verwandeln“?

Vielleicht liegt es an der Branche, in der der stets auf Manieren bedachte 62-Jährige agiert: Zement – und dessen Sex-Appeal ist nun mal eher begrenzt. Selbst derzeit wird Zambrano mit seinem Baustoffkonzern Cemex relativ wenig beachtet, obwohl er den australischen Konkurrenten Rinker übernehmen will – für 13 Milliarden US-Dollar.

Dabei hätte Zambranos Aufstieg mehr Aufmerksamkeit verdient: In rund 20 Jahren schuf er aus einem Familienunternehmen den zweitgrößten Zementkonzern der Welt. Wer verstehen will, wie ihm das gelang, der muss nach Nordmexiko kommen, genauer, nach Monterrey.

In der Industriestadt am Fuß der Sierra Madre wächst Zambrano als behütetes Kind einer wohlhabenden Unternehmerfamilie auf. Bis heute unterscheidet sich die Vier-Millionen-Einwohner-Stadt vom restlichen Mexiko: Sie gilt als sicherste Metropole Lateinamerikas mit der höchsten Lebensqualität.

„Unser Familienclan wohnte in drei Villen zusammen – meine Großeltern, meine Tanten, Geschwister“, erinnerte Zambrano sich kürzlich in einem seiner seltenen Interviews. Er liebt es, Fahrrad zu fahren, durch die Wälder zu streifen hinter den Häusern. Doch die frühkindliche Idylle wird mit 13 Jahren abrupt unterbrochen: Sein Vater schickt ihn auf eine nordamerikanische Kadettenschule. „Jetzt beginnt dein erstes wirkliches Abenteuer“, gibt er seinem Sohn mit auf den Weg: „Es werden weitere folgen.“ Diese Zeit habe ihn geprägt, sagt Zambrano: „Ich konnte kein Wort Englisch, kannte niemanden, war völlig auf mich gestellt. Ich bin schnell gereift.“

Zurück in Monterrey, verkündet der gerade Volljährige, dass er gern Präsident der familieneigenen Zementmühle werden wolle, die sein Großvater 1908 gegründet hat. Zuerst aber studiert er an der renommierten Hochschule Tec in Monterrey Ingenieurwissenschaften und sattelt einen MBA mit Schwerpunkt Finanzen in Stanford drauf. Als in Kalifornien die Hippie-Bewegung blüht, brütet Zambrano über Business-Plänen und Bilanzen: „600 Seiten las ich am Tag. Mir brannten die Augen wie Feuer.“

Zurück in Monterrey bekommt Zambrano trotzdem keinen Direktorenposten im Familienunternehmen. 18 Jahre muss er sich auf Anweisung des Familienrats durch den Konzern arbeiten. Erst 1985 ist der Weg frei: Der eingeschworene Junggeselle, schon damals mit grauem Haar und Schnäuzer, wird CEO. Endlich kann er walten und umsetzen, was er sich jahrelang reiflich überlegen konnte: Weil der mexikanische Markt nach der Verschuldungskrise der 80er-Jahre stagniert, will Zambrano ins Ausland.

Konzernsprache ist ab sofort Englisch. Doch auf dem US-Markt wehrt sich die Zement-Lobby mit Anti-Dumping-Klagen gegen Übernahmeversuche. Zambrano weicht nach Europa aus. Er kauft in Spanien die beiden kränkelnden Marktführer auf, ersetzt das gesamte Management durch Mexikaner – und in wenigen Monaten sind die spanischen Konzerne wieder profitabel.

„Die europäischen Großbanken waren anfangs offen feindselig uns gegenüber“, sagt er, „es hat ein paar Jahre Arbeit gekostet, sie zu überzeugen.“ Inzwischen hat Zambrano fünfzehn große Rivalen weltweit übernommen, zuletzt die britische RMC, zu der die deutsche Tochter Readymix gehört. Seitdem prangt das Cemex-Logo mit den schwarz-roten Streifen auch über der deutschen Filiale in Ratingen. Cemex ist nach der französischen Lafarge und vor der Schweizer Holcim der zweitgrößte Zementkonzern der Welt mit einem Umsatz von 15 Milliarden US-Dollar. „Zambrano hat aus Cemex eine Übernahmemaschine gemacht“, schreibt das „Wall Street Journal“.

Cemex verdankt seinen weltweiten Erfolg einerseits den Erfahrungen in Mexiko: Dort funktioniert das Zementgeschäft völlig anders als in den entwickelten Ländern. Denn wie in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften bauen die Menschen ihre Häuser stückweise: Zement wird nur gekauft, wenn Geld übrig ist.

Cemex bietet diesen Kunden Rund-um-Pakete: Die Häuserbauer zahlen in Raten das Material ab. Cemex liefert dann neben den Baumaterialien auch standardisierte Baupläne, und ein Cemex-Berater hilft bei Bauproblemen. Gleichzeitig investierte Cemex schon in seine interne IT-Kommunikation, als das Internet noch unbekannt war. In der Konzernzentrale sieht es aus wie auf der Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise: Alle Zementmischer, die ihre Ware in spätestens drei Stunden löschen müssen, sind dort per Satellitenortung zu verfolgen. Ein Computerprogramm dirigiert die Mischer automatisch zu den Baustellen. Trotz des Verkehrschaos in Mexiko-Stadt und den üblichen Stornierungen in letzter Minute liefert die konzerneigene Flotte im Schnitt in 20 Minuten.

Aber auch die 50 Standorte weltweit werden rigide vom Stammhaus kontrolliert durch ein eigenes Satelliten-Netz. Monterrey kann jeden Augenblick Qualität und Stand der Produktion weltweit online kontrollieren. „Cyber-Cemex“ titelte „Forbes“ kürzlich über den Konzern. So erstaunt es nicht, dass Zambrano als Hobby nicht nur seine Ferrari-Sammlung angibt, sondern auch das Lesen von Science-Fiction-Romanen.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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