Zu viele Entlassungen
Und wer soll jetzt die Arbeit machen?

Um die Kosten zu senken, haben viele Unternehmen ihre Belegschaft radikal verkleinert und sind damit gewaltig über das Ziel hinausgeschossen. Nun, im Boom, fehlen an allen Ecken Leute, und die einfallslose Unternehmensführung hat oftmals Mühe, die Aufträge zu erfüllen.

DÜSSELDORF. Wer Luxusuhren schätzt, braucht mitunter viel Geduld. „Die Lieferengpässe vom vergangenen Jahr halten auch im Jahre 2007 an“, warnte Nick Hayek, Chef der Schweizer Swatch Group in Biel, vor einigen Tagen auf der Bilanzpressekonferenz des Uhrenherstellers. Bis zu eineinhalb Jahren müssen vor allem Kunden der Luxusmarke Breguet auf manche Modelle warten. Warum? Unter anderem deshalb, weil Swatch nicht genug qualifizierte Uhrmacher findet.

Das Problem hat allerdings nicht allein die Swatch Group. Rund 660 neue Uhrmacher fehlen der Schweizer Uhrenindustrie in den kommenden vier bis fünf Jahren, warnt der Dachverband der Branche. Außerdem suchen Firmen wie Swatch, Rolex, Corum oder IWC heute wieder händeringend Ingenieure, Polierer und Juweliere. Als jahrelang der Absatz stockte, fiel vielen Managern nichts anders ein, als die Uhrenhersteller mit immer neuen Entlassungswellen zu plagen – und sie damit beinah in den Ruin zu sparen. Jetzt, wo vor allem das Ausland auf Luxusuhren aus der Schweiz wartet, fehlt den Eidgenossen eine ganze Generation von Spezialisten. Das ist die Quittung für einfallslose Unternehmensführung.

Und nicht nur die Uhrenhersteller in der Schweiz mussten in den letzten Monaten feststellen, dass sie in der Vergangenheit beim Sparen und Rationalisieren über das Ziel hinausgeschossen sind. Auch in Deutschland zeigt sich angesichts des kräftigen derzeitigen Aufschwungs, dass etliche Firmen in die Sparfalle getappt sind und nun zu wenig Leute an Bord haben, um die eingehenden Aufträge abzuarbeiten. 48 Prozent der Unternehmen beklagen, dass sie bereits Aufträge verloren haben, weil ihre Personaldecke zu dünn war. Das geht aus einer Online-Befragung von 312 Fach- und Führungskräften durch das Institut für Management und Wirtschaftsforschung (IMWF) in Hamburg hervor, die in Kooperation mit Handelsblatt.com durchgeführt wurde.

Der Grund für die Misere ist der massive Arbeitsplatzabbau der vergangenen Jahre. „52,5 Prozent der Entscheider bestätigen, dass in ihrem Unternehmen Stellen gestrichen wurden“, weiß Wilhelm Alms, Vorstandsvorsitzender des IMWF. Firmen mit bis zu 1 000 Mitarbeitern waren von den Rationalisierungsmaßnahmen besonders betroffen. Fatal wirken sich diese kurzsichtigen Managemententscheidungen derzeit insbesondere im produzierenden Gewerbe aus. Dort wird bevorzugt darüber geklagt, dass die Unternehmen nicht die geeigneten Fachleute – vor allem Ingenieure – finden. Trotz deutlicher Auftragszuwächse in den letzten zwölf Monaten wurden aber ausgerechnet in diesem Sektor in sechs von zehn Betrieben weiterhin Menschen entlassen. Zum Vergleich: Nur jedes zweite Dienstleistungsunternehmen baute in diesem Zeitraum Personal ab.

Die Folge: Die verbliebenen Kernmannschaften pfeifen jetzt auf dem letzten Loch. In 85 Prozent der Firmen müssen Überstunden geschoben werden, sobald Kollegen krank werden und ausfallen. Und weil die Büros und Werkshallen so knapp besetzt sind, kann eine einfache Grippewelle schon die Produktion gefährden. Jeder zweite Unternehmensentscheider räumt ein, dass seine Firma schon Aufträge verloren hat, weil die Personaldecke zu dünn war wegen kranker Mitarbeiter. „Und das, obwohl der Krankenstand in den Unternehmen heute so niedrig ist wie selten“, gibt Alms zu bedenken.

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