Zum Tod von Peter Boenisch
Der Dompteur des Raubtiers namens „Bild“

Auf einer Anhöhe über dem Tegernsee wird diese Woche Peter Boenisch beigesetzt, der am Freitag im Alter von 78 Jahren starb.

Die Trauerrede hält Bundeskanzler Gerhard Schröder und ehrt damit einen Publizisten, der sich nie einordnen ließ, der als Chefredakteur von „Bild“ eine Hassfigur für Studenten und Intellektuelle in den 60er- und 70er-Jahren war, sich später mit vielen von ihnen aussöhnte und manche sogar gegen neue Angriffe von rechts verteidigte.

Manchmal sah man ihn am Tegernsee im Auto sitzen, zwischen zwei Terminen schrieb er einen seiner populären Kommentare. Wenn die Zeit drängte, schrieb er auch im Restaurant. Dann nahm er die Rückseite der Speisekarte oder eine Papierserviette. In den letzten Wochen schrieb er im Krankenbett. Seine letzte Kolumne trug den Titel „Danke, Kanzler“.

Er hat alles gehabt im Leben und manchmal mehr, als ihm lieb war. „Ich bin wie ein Liftboy“, sagte er einmal, „mal geht es nach oben und dann wieder hinab.“ Zwischenstationen gab es selten, Mittelmaß nie. Mit 17 erhielt er als Fallschirmjäger das Eiserne Kreuz an der Front gegen die Russen, mit 77 das Große Bundesverdienstkreuz für die Aussöhnung mit Russland.

Mit Axel Springer verband ihn eine enge Freundschaft, die Nachfahren warfen ihn in einer würdelosen Aktion aus dem Haus. Als Regierungssprecher gab er der CDU/FDP-Regierung von Helmut Kohl Weltläufigkeit und Glanz, ein Steuerverfahren zwang ihn nach 18 Monaten zum Rücktritt.

Freunde blieben ihm das Leben lang verbunden, die Gegner wechselten, geringe waren es nie: Erst die Studentenbewegung von 1968, dann schrieb Heinrich Böll den dünnen Band „Bild, Bonn, Boenisch“, in den letzten Jahren misstrauten ihm eher Teile der Konservativen.

Peter Boenisch wurde 1927 in Berlin geboren. Seine Mutter war Russin, sein Vater Ingenieur. Berlin blieb seine Sehnsucht, die sich nicht stillen ließ. Als er mit 70 zum ersten Mal Vater wurde, kaufte er sich am Botanischen Garten ein Haus. Auch seine Kinder sollten in der Stadt aufwachsen, wo er Kind war.

Boenischs Karriere spiegelt die Nachkriegszeit wider. Die Menschen waren hungrig auf ein neues Leben, und sie waren jung. Rudolf Augstein gründete mit 24 den „Spiegel“, Axel Springer mit 35 seinen Verlag. Peter Boenisch schrieb mit 18 in Berlin für die „Allgemeine Zeitung“, bekam seinen ersten Chefredakteursvertrag mit 22 in Rendsburg, übernahm mit 28 Jahren die „Revue“ in München, gründete die Jugendzeitschrift „Bravo“ und war erst 34, als ihn Axel Springer mit der Leitung der „Bild“ betraute. Das Raubtier Bild hatte seinen Dompteur gefunden. Das Massenblatt war schon vor ihm groß, durch ihn erhielt es Charakter. „Der Mond ist jetzt ein Ami“ titelte Boenisch nach der Mondlandung der Amerikaner 1969. Die Auflage kletterte auf fünf Millionen.

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