Zunächst wirkt seine Arbeit unspektakulär Joachim Wagner ist der stille Vermittler

In Hannover geboren, in Hannover zur Schule gegangen, in Hannover studiert. In Hannover promoviert, in Hannover habilitiert, in Hannover als Dozent gelehrt. So liest sich der Lebensweg eines Wissenschaftlers mit hohem internationalem Renommee in seinem Forschungsgebiet: Joachim Wagner.
  • Dorit Hess (Handelsblatt)

HB DÜSSELDORF. Dabei erscheint sein Arbeitsschwerpunkt auf den ersten Blick ebenso unspektakulär wie seine Vita: Wagner bereitet Daten so auf, dass sie wissenschaftlich nutzbar sind. Kenner dieses Forschungsgebiets wissen allerdings, wie spektakulär diese Arbeit sein kann: „Lower Saxony“ (Niedersachsen) habe auf einer von vier Kisten im Büro von Robert McGuckin, ehemals Leiter der Forschungsabteilung des amerikanischen statistischen Bundesamtes, gestanden, erzählt Wagner, neben „Israel“, „Paris“ und „Washington“. In Amerika, dem Mutterland der empirischen Wirtschaftsforschung, sei Niedersachsen nicht etwa deswegen von Interesse, weil es ein so spannendes Land ist, gibt selbst der Hannoveraner schmunzelnd zu: „Sondern weil es die Daten erlauben, nahezu unbekannte Zusammenhänge zu untersuchen: beispielsweise zwischen der Anzahl von Firmengründungen und der Beschäftigungsentwicklung.“

Diese Arbeit verhalf Wagner nicht nur weltweit zum „wissenschaftlichen Durchbruch“, wie er selbst sagt. Für die deutsche empirische Wirtschaftsforschung war sie ein Meilenstein: Wagner gelang es 1990 als einem der Ersten, mit Statistischen Landesämtern in Deutschland zusammenzuarbeiten. Bis dahin hatte die mangelhafte Datenlage die Arbeit vieler Ökonomen in Deutschland massiv behindert. Der Empiriker Dietmar Harhoff von der Universität München etwa bemängelt, dass deutsche Statistiker gerne „wahre Betonburgen um ihre Daten bauen“.

Als Wurzel dieses Problems identifiziert Wagner die Volkszählung, die zu einer Verschärfung des Datenschutzes geführt habe. Seine Vorschläge, um an für Wissenschaftler nutzbare Daten zu gelangen: entweder eine geeignete Form der Anonymisierung, ohne den Datenschutz zu verletzen, oder den Zugang zu Originaldaten ermöglichen und vor der Veröffentlichung die Ergebnisse auf Geheimhaltungsfreiheit überprüfen. Wie sich Anonymisierungsverfahren auf das Analysepotenzial von Betriebsdaten auswirken, untersucht der Ökonom derzeit.

Wagners Durchbruchsarbeit, sein Kooperationsprojekt mit dem Niedersächsischen Landesamt für Statistik, brachte „geheimhaltungsfreie Ergebnisse“ (Wagner) hervor – und ermöglicht es externen Wissenschaftlern trotzdem, mit streng geheimen Einzeldaten aus Erhebungen der amtlichen Industriestatistik Analysen durchzuführen. Dieses Projekt wurde seit Ende 1997 auch in anderen Bundesländern initiiert, koordiniert von Wagner im Netzwerk „Firmendaten aus der Amtlichen Statistik“ (FiDASt). Sein Rezept ist einfach und erfolgreich: Er versuche, das Bewusstsein der Statistiker für den Wert ihrer Daten zu schärfen, die sie selbst aus Zeitmangel oder fehlender Methodenkompetenz nicht auswerten könnten.

Mit seinem Anfangserfolg begann für Wagner zu Beginn der neunziger Jahre aber erst der Kampf um die Freigabe von Daten – gegen die Bürokratie und gegen alte Gewohnheiten. Inzwischen habe ein „Gesinnungswandel“ eingesetzt, stellt Wagner fest. Bundesweit gibt es mittlerweile vier Forschungsdatenzentren: je eines vom Statistischen Bundesamt, den Statistischen Ämtern der Länder, der Bundesagentur für Arbeit und der gesetzlichen Rentenversicherung. Zudem gibt der Empiriker drei auf die empirische Wirtschaftsforschung ausgerichtete Zeitschriften mit heraus, darunter „zwei der ganz traditionsreichen“, wie er sagt.

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