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21.09.2006 
In Harvard nachgefragt

Was ist eine Case Study?

Fast alle MBA-Programme weltweit verwenden Fallstudien, eine für Deutsche ziemlich unbekannte Methode. Was aber genau ist eine Case Study? Und was soll die Arbeit an einem Case bewirken?

Das Handelsblatt ging an die Quelle und fragte an der Harvard Business School (HBS) nach. Hier wurde die Case Study-Methode erfunden, und nach wie vor prägen Cases fast das gesamte HBS-MBA-Programm. Darüber hinaus ist die Schule der weltgrößte Produzent von Case Studies, die sie auch weltweit verkauft. Wie erklären Sie jemandem, der noch nie etwas davon gehört hat, in drei Sätzen, was eine Case Study ist?

Ein Case ist ein Dokument, das in detaillierter, erzählerischer Form ein Problem darstellt, dem sich Manager oder ein Chef eines realen Unternehmens gegenüber gesehen haben. Die Studenten denken sich damit in die Situation des Protagonisten hinein, stehen sozusagen in seinen Schuhen. Und immer muss die Frage beantwortet werden: Was würden Sie tun?

Mit den Augen des Protagonisten

Werden wir einmal konkret! Wie genau sieht eine Fallstudie aus?

Eine HBS case study kann zwei bis 20 oder mehr Seiten umfassen, und beinhaltet einen Datenanhang, die "exhibits".

Der Case präsentiert die Situation zusammen mit etwas Hintergrundinformation über das Unternehmen, was es erlaubt, die Situation, um die es geht, in ihren Kontext einzuordnen. Oder anders gesagt: Der Case präsentiert die Story genau so, wie der Protagonist sie gesehen hat, also auch mit einer ambivalenten Datenlage, unzureichenden Informationen, ohne offenkundig richtigen Antworten und einer tickenden Uhr, die schnelle Aktionen verlangt. Und das Leitmotiv ist, wenn Sie so wollen, immer Leadership.

Wie arbeitet man mit einem case?

Das geschieht in mehreren Schritten. Zuerst arbeiten die Studenten den case alleine durch.

Dann, am gleichen Abend oder am nächsten Morgen, treffen sie sich mit drei bis sieben anderen Studenten in ihrer "study group" und diskutieren den Case, vergleichen ihre Analysen und Lösungsvorschläge. Dies gibt den Studenten die Gelegenheit, in einem Team zu arbeiten, gemeinsam Ideen auszutauschen und zu entwickeln Dann gehen Sie in die Klasse, wo Sie den Case etwa 80 Minuten lang unter der Anleitung eines Professors diskutieren.

Könnte man mit einem Case auch allein arbeiten oder braucht es immer die Diskussion mit Anderen?

Nein, die Gruppenarbeit und-diskussion ist schon ein wesentlicher Teil des Lernmodells. Unsere Studenten machen die Erfahrung, dass egal wie hart sie an einem Case gearbeitet und wie sehr sie allein über Lösungen nachgedacht haben, am Ende ist das doch nur 20 Prozent von dem, was sie über die Diskussion mit den Anderen herausbekommen.

Wieviel Zeit hat ein HBS-Student zur Vorbereitung?

Der Case ist die Grundlage für die Diskussion im Klassenraum. Typischerweise wird ein MBA-Student zwischen zwei bis drei Stunden an Vorbereitungszeit für jeden Case aufwenden, was natürlich von Student zu Student und von Case zu Case variiert.


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Wieviele Case Studies muss ein Student an der Harvard Business School während seines MBA-Studiums durchackern?

Die MBA-Studenten müssen im ersten Studienjahr 13 Pflichtveranstaltungen ("classes") pro Woche absolvieren, was auch 13 Fallstudien pro Woche bedeutet. Insgesamt kommt man dann in den zwei Jahren des MBA-Studiums auf etwa 500 bearbeitete Cases!

Berüchtigt sind die "cold calls". Was ist das?

Am Anfang einer Veranstaltung bittet der Professor immer einen der MBA-Studenten, seine "Lösung" des Cases zu präsentieren oder auf Fragen zu antworten. Wenn das ohne Vorwarnung passiert, nennen wir das einen "cold call".

Gibt es so etwas wie die Lösung für einen Case?

Wie im wirklichen Geschäftsleben auch und anders als in einem Lehrbuch gibt es nie eine einzige richtige Antwort. Es gibt eine Reihe verschiedener Wege, ein Problem zu lösen. Worauf es ankommt, ist die Qualität der Analyse eines Problems und die daraus gefolgerten Vorschläge zu seiner Lösung.

Wenn es keine Lösung gibt, wonach werden die MBA-Studenten beurteilt?

Wie gesagt, worauf es ankommt, ist die Qualität der Analyse und des Lösungsvorschlags. Die Hälfte der Noten der MBA-Studenten an der Harvard Business School beruht auf dem, was er im Klassenraum sagt und zur Diskussion beiträgt, die andere Hälfte auf Arbeitspapieren, Projekten und natürlich den Prüfungen.

Noch etwas anderes ist besonders an der Arbeit mit Fallstudien an der Harvard Business School. Sie laden häufig auch Manager in den Kurs ein.

Ja, das stimmt. Oft kommen die Protagonisten eines Cases - der CEO oder andere Top-Manager - persönlich an die Harvard Business School und hören sich an, wie die MBA-Studenten den Fall "gelöst" haben. Daraus entstehen dann sehr interessante Diskussionen. Natürlich gibt das unseren Studenten eine einzigartige Gelegenheit wirklich mit den Leuten in Kontakt zu sein, die den Case gelebt haben.

Kritiker sagen, dass das Arbeiten mit Cases nicht mehr als eine Spielwiese für junge Leute ist, die nicht viel vom Leben gesehen haben und nun Unternehmensboss spielen.

Wir glauben, dass Cases der beste Weg sind, um junge Leute auf Situationen vorzubereiten, denen sie einmal als Führungspersonen auf allen Ebenen begegnen werden. Es ist eine praktische Lernerfahrung, anders als etwa das passive Zuhören bei einem Vortrag. Sie erfordert aktive Beteiligung. Wir bringen unsere MBA-Studenten ganz nah an die Praxis heran.

Übertreibt es Harvard nicht etwas?

Könnte man das mit einem Flugsimulator vergleichen, wo der Pilot ja auch nicht wirklich eine Maschine fliegt?

Die Case Study-Methode macht die MBA-Studenten mit einer großen Zahl von Situationen in einer Vielzahl verschiedener Wirtschaftsbereich bekannt, so dass sie nach zwei Jahren mehr "Erfahrungen" gesammelt haben, als das in jedem Job möglich gewesen wäre. Sie entwickelt dabei eine Analysefähigkeit, eine Art und Weise, an Probleme heranzugehen, die sie unmittelbar anwenden können, wenn sie mit dem Studium fertig sind.

Aber ist es nicht doch etwas exzessiv, sich wie an der Harvard Business School einzig die Fallstudien-Methodik zu verlassen?

Das stimmt nicht ganz. Nur 80 Prozent unseres MBA-Programms beruhen auf der Fallstudien-Methodik. In den übrigen 20 Prozent gibt es Team-Übungen, Feldstudien, Unternehmensprojekte etc.




80 oder 100 Prozent - der Unterschied ist nicht mehr wirklich so groß. Noch einmal die Frage: Ist die Harvard Business School so sehr in ihre Fallstudien verliebt, dass sie immun gegenüber jeder Kritik ist?

Wir glauben sehr stark an die Effizienz der Case Study-Methode, wie das ja auch viele andere Schulen tun trotz der gerne von den Medien aufgenommenen Kritik von ein paar einzelnen. Und wir müssen doch etwas richtig machen, wenn fast sieben Millionen Case Studies jährlich an andere Schulen und Organisationen in der ganzen Welt verkaufen.

Das gesamte Lernumfeld an der Harvard Business School ist auf diese Methode ausgerichtet, von den speziell entwickelten Amphitheatern der Klassenräume bis hin bis zu der pädagogischen Ausbildung jüngerer Kollegen durch ältere Professoren und Mentoren. Diese pädagogische Passion ist wirklich ein Lebensstil hier.

Und ist nicht der letzte Beweis für den Erfolg dieser Methode der Erfolg unserer Absolventen? Keine andere Business School hat so viele erfolgreiche Studenten in fast allen Wirtschaftsbereichen und Ländern in aller Welt wie die Harvard Business School.

Weltweiter Verkauf als Zeichen des Erfolgs

Die Harvard Business School benutzt nicht nur sehr stark Fallstudien, sie ist auch der größte Produzent von Case Studies weltweit. Wie wird so ein Case produziert?

Cases werden von Professoren geschrieben, gewöhnlich mit der Unterstützung ihres "research associate". Praktisch alle unsere Cases beruhen auf "Feldforschung", d.h. dass das das behandelte Unternehmen während der Erarbeitung auch wirklich persönlich besucht wird, sei es in Boston oder in Berlin, und dass wir uns nicht auf Sekundärquellen verlassen. Deshalb haben wir auch weltweit eigene Forschungszentren gegründet, in Buenos Aires für Forschung über Lateinamerika, in Hong Kong und Tokyo für Asien, im Paris für Europa und in Mumbai für Indien. Darüber hinaus haben wir auch noch ein Forschungszentrum im Silicon Valley.

Wer entscheidet darüber, ob ein Thema ein Case wird?

Cases werden produziert, um den besonderen pädagogischen Notwendigkeiten eines Kurses zu entsprechen. Das entscheidet der Dozent/Professor, der den Kurs gibt. Er sucht dann den Kontakt zur Unternehmenswirklichkeit, also zu Managern, zu Beratern, zu Anwälten, zu Investmentfirmen etc, um ein Unternehmen zu finden, in dem es einen Fall gibt, der den Punkt, den er behandeln will, illustrieren könnte.

Wie lange braucht es, um einen Case zu produzieren?

Im Durchschnitt drei Monate.

Und wie viel kostet das dann?

Für jeden Case über ein US-Unternehmen kalkulieren wir etwa 25.000 US-Dollar. Für alles, was außerhalb der USA stattfindet, etwa zweimal so viel.

Wie finanzieren Sie das?

Die gesamte Forschungstätigkeit der Harvard Business School wird nur von der Schule finanziert. (Es werden also keine Drittmittel eingeworben oder Auftragsforschung betrieben.). Diese Unabhängigkeit wird uns durch eigene Einnahmen und die Großzügigkeit unserer Ehemaligen ermöglicht. Jährlich wenden wir mehr als 70 Millionen US-Dollar für Forschung auf!

Was erstaunt, ist, dass die Harvard Business School, Case Studies nicht nur als pädagogisches Mittel betrachtet, sondern als integrierten Bestandteil ihrer Forschung über Management-Probleme.

Wir sehen uns in dem Geschäft mit der Schaffung von (neuem) Wissen. Unser Senior Associate Dean und ehemaliger Forschungschef Professor Krishna G. Palepu hat es so formuliert: Wir ermutigen die Dozenten und Professoren der Harvard Business Schools zu hohen Einsätzen, wenn sie Probleme behandeln, mit denen sich Manager heute konfrontiert sehen, die aber von der bestehenden Forschung nicht ausreichend behandelt werden. Diese Forschung fließt direkt in die Lehre ein. Mit anderen Worten Weltklasse-Forschung und Weltklasse-Lehre ergänzen sich gegenseitig.

Gibt es auch Cases über deutsche Unternehmen?

Ja, viele sogar. Um nur ein paar Unternehmen zu nennen: Allianz, BMW, DaimlerChrysler, Hoechst, Mannesmann - und die fortu PowerCell GmbH.

Nicht alle Ihre Case Studies betreffen Unternehmen. Was sind Ihre ungewöhnlichsten anderen Fallstudien?

Es gibt jährlich Hunderte neuer HBS-Fallstudien, so dass dies eine schwierige Frage ist. Aber ein Beispiel, das einem sofort in den Sinn kommt, ist ein Case in elektronischer Form, der den Entscheidungsfindungsprozess beim Desaster des Space Shuttle Columbia betrifft. Der Case ist eine Simulation, die verschiedene Studenten in die Rolle von Entscheidungsträgern bei der NASA schlüpfen lässt, und ihnen erlaubt zu verstehen, wie, wo und warum Kommunikationswege zusammen brechen, was dann trotz der besten Absichten zu schrecklichen Folgen führt. Diese Erfahrung ist wirklich bemerkenswert und für jeden, der mit diesem Case gearbeitet hat, unvergesslich.

Atemberaubende Columbia-Fallstudie

Die Harvard Business School verkauft ihre case studies auch. Wie funktioniert das?

Wir haben Tausende Titel im Angebot. Alle werden über das Tochterunternehmen Harvard Business School Publishing vertrieben, auf deren Website es auch eine komplette Liste gibt. Hier kann man die Case studies auch online bestellen.

Und wieviel Geld bringt Ihnen das?

Die HBS case studies werden wir gesagt von Harvard Business School Publishing vertrieben. Zu dem Unternehmen gehören auch Harvard Business School Press, die Managementpublikation "Harvard Business Review", e-learning-Produkte und einige Newsletter. Im Finanzjahr 2004 beliefen sich die Einnahmen von Harvard Business School Publishing auf 98 Millionen US-Dollar, die der Schule wieder für ihre Forschung und ihren Lehrbetrieb zugute kommen.

Die Fragen beantwortete James Aisner, Director, Harvard Business School.
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