Abhängig von Krediten
Mittelstand reagiert empfindlich auf höhere Zinsen

Die Wende in der Zinspolitik dürfte die Ertragskraft der deutschen Industrie vorerst nur wenig belasten. Sie könnte nach Einschätzung von Fachleuten mittelfristig allerdings die Dynamik kleinerer, schwächer finanzierter Unternehmen dämpfen.

HB FRANKFURT. Vor allem große Konzerne haben in den vergangenen Jahren ihre Finanzstruktur deutlich verbessert. „Die Bilanzen der Unternehmen sind stärker denn je“, so Jean-Michel Six, Chefökonom der Ratingagentur Standard & Poor’s. Unmittelbare Effekte auf die Gewinne, etwa über eine höhere Zinsbelastung, seien daher kaum in Sicht. Negative Rückwirkungen könnten sich allerdings indirekt über verteuerte Konsumentenkredite und den privaten Konsum ergeben, was insbesondere den Handel treffen würde. Denn S&P rechnet mit weiteren Zinserhöhungen.

Die Investitionsstrategien der großen Konzerne dürfte das vorerst wenig beeinflussen. Denn sie nutzten die Niedrigzinsphase der vergangenen beiden Jahre relativ intensiv, um sich mit günstigem Fremdkapital zu versorgen und ihre Liquiditätsreserven aufzustocken. So haben in den vergangenen Monaten unter anderem Bayer, BASF und Henkel neue langlaufende und zinsgünstige Anleihen aufgelegt. Zudem ist die Nettoverschuldung gesunken. Die 24 Industrie- und Serviceunternehmen im Dax 30 etwa haben ihre Verschuldung in den vergangenen beiden Jahren um rund ein Sechstel auf 215 Mrd. Euro reduziert. Die Netto-Zinsbelastung ging im selben Zeitraum sogar um rund ein Drittel auf zusammen etwa 6,7 Mrd. Euro zurück.

Ein etwas differenzierteres Bild ergibt sich für mittelständische Unternehmen, die tendenziell stärker fremdfinanziert sind. „Gerade den Mittelstand trifft eine Zinserhöhung empfindlich“, befürchtet daher Professor Norbert Winkeljohann, Vorstand der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC).

Zwar haben auch viele größere Mittelständler in den vergangenen Jahren ihre Bilanzen gestärkt. Trotzdem haben sie einen relativ höheren Zinsaufwand zu verkraften. Nach Schätzung der IKB Deutschen Industriebank, die rund 1 300 Kundenfirmen analysierte, liegt er im Schnitt bei etwa 1,5 Prozent vom Umsatz. Das ist fast doppelt so hoch wie bei den Dax-30-Firmen. „Je kleiner ein Unternehmen ist, desto abhängiger ist es von Krediten“, lautet die Faustformel von Kurt Demmer, dem Chefvolkswirt der IKB.

Der Grund liegt im großen Unabhängigkeitsstreben der inhabergeführten Unternehmen, die in der Regel jeglichen Fremdeinfluss scheuen. Die Eigenkapitalfinanzierung – etwa über stille Beteiligungen oder die Beteiligung von Private-Equity-Gesellschaften – spielt bei dieser Klientel deshalb nur eine untergeordnete Rolle.

Vor dem Hintergrund der durch Basel II ausgelösten risikoorientierten Verteuerung von Krediten habe der Mittelstand schon bisher höhere Zinsen in Kauf nehmen müssen, sagt PWC-Vorstand Winkeljohann. Folgte nun dem ersten Zinsschritt der EZB eine Reihe weiterer Zinsanhebungen, müsse man davon ausgehen, „dass die Wachstumschancen mittelständischer Unternehmen getrübt werden“. shf/rv/gil

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%