Agrarbranche
Fieberkurve der Agrartechnik

Die deutsche Landtechnik-Industrie leidet unter einer Auftragsflaute. Die Krise trifft auch den Landmaschinen-Spezialisten Lemken. Trotz steigender Stornierungen hält das Familienunternehmen an dem Modell der Mitarbeiterbeteiligung fest. Transparenz und Erfolgsbeteiligung sollen die Mitarbeiter auch während der Flaute motivieren.
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ALPEN/HANNOVER. An vielen Stellen im Stammwerk Alpen des Landmaschinenbauers Lemken hängen Info-Bretter in den blauen Firmenfarben. Dort sind die Fieberkurven des Familienbetriebs zu sehen: Auftragseingang, Umsatz und Produktion, jeweils im Vorjahresvergleich. Derzeit zeigen die Kurven deutlich nach unten. Immer montags drängeln sich viele der am Unternehmenserfolg beteiligten Mitarbeiter vor den blauen Brettern. Es ist Info-Stunde. Mit Spannung studieren und diskutieren sie die Fieberwerte.

Ziemlich genau vor einem Jahr hat die Konjunkturkrise bei Lemken eingesetzt. Nach einem Boom ohnegleichen stockten auf einmal die Bestellungen für Pflüge, Drillmaschinen und Feldspritzen. Danach hagelte es Stornierungen, vor allem aus Osteuropa. "In einigen Wochen hatten wir mehr Stornierungen als Bestellungen", sagte Franz-Georg von Busse, Geschäftsführer von Lemken aus Alpen am Niederrhein dem Handelsblatt.

Nach dem Superjahr 2008, als der Umsatz um rund 40 Prozent auf 257 Mio. Euro stieg, rechnet von Busse für 2009 mit etwa 20 Prozent Minus. "Das wäre aber noch immer das zweitbeste Jahr in der Geschichte", gibt sich von Busse entspannt.

Landwirte investieren weniger

Doch die Talfahrt hält an. Die Landwirte haben ihre Investitionen in neue Maschinen auf Eis gelegt. Die steigenden Kosten etwa für Düngemittel und der Druck auf die Absatzpreise etwa für Getreide lassen die Erlöse schrumpfen. Für 2010 rechnet Lemken mit einem Umsatzminus von 15 Prozent. Einen Verlust erwartet von Busse aber nicht. Hohe Auftragsbestände verhinderten dies - bislang.

Aber die sind jetzt abgebaut. Deshalb hat Lemken die Fertigung von maximal 300 Geräten pro Woche auf 100 reduziert und die Zahl der einst 240 Leiharbeiter wurde auf fast Null zusammengestrichen. Die Jobs der knapp 770 Festbeschäftigten in Deutschland sollen nicht bedroht sein. "Wir wollen unsere Stammbelegschaft halten", sagte Nicola Lemken, Vertreterin der siebten Generation in der Geschäftsführung des 1780 als Schmiede gegründeten Unternehmens. Kurzarbeit gab es bisher nicht, nun wird sie aber eingeführt.

Nicht zur Disposition steht trotz Krise aber die bisher praktizierte Offenheit und Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter. Fieberkurven werden weiter ausgehängt. Das Familienunternehmen veröffentlicht seit Anfang der 90er-Jahre detaillierte Zahlen - wegen der Bedeutung des Marktes sogar auf russisch. Das soll so bleiben.

Denn die Vorteile dieser Informationspolitik seien größer als die Nachteile, sagt Lemken. "Wir wollen die Kompetenz der Mitarbeiter nutzen und sie an Entscheidungen beteiligen. Dafür müssen sie auch die Zahlen kennen." Markus Ernst von der IG-Metall lobt die Informationspolitik und führt sie auf Viktor Lemken zurück, den jetzt 71-jährigen Gesellschafter und Vater von Nicola Lemken. Er habe immer ein offenes Ohr.

Lob von Gewerkschaftsseite erhält Lemken auch für sein seit 1997 praktiziertes Modell der Erfolgsbeteiligung. Jeder Beschäftigte kann jährlich bis zu 1 200 Euro oder bis zu 50 Stunden aus dem Gleitzeitkonto einsetzen. Erreicht der Betrieb 60 Prozent der geplanten Umsatzrendite, erhält jeder den vollen Einsatz zurück. Meist verzinste sich die Einlage aber wesentlich besser. In den vergangenen zehn Jahren gab es im Schnitt für 1 000 Euro Einsatz 1 800 Euro zurück.

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