Angst um Job
Deutsche gründen wieder Unternehmen

Die Angst vor Jobverlust lässt die Zahl der Existenzgründungen steigen. Nach der Gründungsflaute 2008 machen sich wieder viele Deutsche selbständig; darunter auch Arbeitslose aus der Not heraus. Oft fehlt aber eine klare Geschäftsidee. Warum Deutschland in einer "Gründerkrise" steckt - und wie diese überwunden werden kann.
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DÜSSELDORF. Nachdem die Zahl der Existenzgründungen 2008 einen Tiefpunkt erreicht hatte, steigt sie im Rezessionsjahr 2009 wieder. Trotz der Trendwende sehen Experten der Industrie- und Handelskammern kein Ende der Gründungskrise: Es sind vermehrt Arbeitslose, die sich aus der Not heraus selbstständig machen, viele ohne klare Geschäftsidee.

Nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung wurden im ersten Halbjahr 2009 208 000 Unternehmen gegründet, 0,2 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der sich als Differenz aus Gründungen und Liquidationen ergebende Saldo war mit rund 5 900 positiv. 2008 war die Zahl der neuen Firmen im vierten Jahr in Folge, gesunken, auf 206 000. Das war laut ZEW der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung.

Die Rezession lässt jetzt zwar die Zahl der Insolvenzen und Liquidationen steigen, zugleich ziehen die Gründungen aus der Arbeitslosigkeit an. Seit Jahresbeginn wurden 16 Prozent mehr angehende Existenzgründer von der Bundesagentur für Arbeit (BA) gefördert als von Januar bis Oktober 2008. Nach vorläufigen Berechnungen summierte sich die Zahl der im Oktober mit einem Gründungszuschuss geförderten Arbeitslosen auf 102 231.

Businesspläne werden schlechter

Marc Evers vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht in der jüngsten Entwicklung das typisch deutsche Muster: Nimmt die Arbeitslosigkeit zu, steigt auch das Gründungsinteresse. Problematisch sei, dass damit die Qualität der Businesspläne sinke: Viele Starts würden hastig vorbereitet, vier von zehn arbeitslosen Gründern hätten keine klare Geschäftsidee.

Der Anteil der Unternehmen, der aus Mangel an Alternativen entstehen, ist ohnehin sehr hoch: Auf 2,7 Gründer mit unternehmerischen Motiven kommt laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) ein Gründer aus Not. Die Skepsis gegenüber den von der BA geförderten Gründungen aus der Arbeitslosigkeit hat sich allerdings nicht bestätigt. Die befürchtete Pleitewelle ist ausgeblieben. Derart geförderte Gründungen waren nach einer IAB-Studie in der Mehrheit erfolgreich.

Für Evers bleibt Deutschland dennoch in einer Gründerkrise: Entweder es gebe zu wenige Gründungen oder qualitativ schlecht vorbereitete Businesspläne. Auch mit 200 Förderprogrammen sei die Krise bislang nicht überwunden worden. Er plädiert für ein Schulfach Wirtschaft in ganz Deutschland: "Ansonsten überdauert die Gründerkrise die Wirtschaftskrise, und uns gehen Gründer, Pioniere und ein großer Teil des Mittelstands verloren."

Trotz der schwierigen Lage sehen die IHKs auch Lichtblicke. Vergleichsweise gut seien die Aussichten in Zukunftsbranchen wie Gesundheit, Umwelt und Energie. Dazu zählen für Evers auch "kleinteilige" Dienstleistungsgründungen, wie etwa Services für Senioren oder Haushaltsdienste.

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