Ankerkraut gegen Fuchs
Angriff auf Deutschlands letztes Monopol

Dieter Fuchs ist nicht weniger als der König des deutschen Gewürzmarkts. Jetzt bekommt er Konkurrenz aus Hamburg: Die Unternehmer von Ankerkraut wollen das Monopol knacken. Ein Kampf zwischen Vanille und Verzweiflung.
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Als die Show vorbei ist und die Gäste gegangen sind, kommt Stefan Lemcke ins Grübeln. Es ist wieder spät geworden. Lemcke steht auf einer Hotelterrasse in Bonn, unten fließt der Rhein. Er hat ein paar Gläser Rotwein drin, aber noch nicht so viel, als dass sich zuhören nicht mehr lohnen würde. Er sagt: „Ich will auch irgendwann wieder ein Leben haben: meine Kinder sehen und meine Frau. 80 Stunden Arbeit die Woche, das geht nicht.“ Seine Frau Anne Lemcke tritt an den Tisch. „Aber wann sollen wir es sonst machen? Das hier ist unsere Chance.“ Stefan nickt. Er hört das seit Monaten. Aber er spürt eben auch die Erschöpfung. Allein diesen Sommer fiel er vier Wochen aus: zweimal die Mandeln, einmal der Rücken. Hexenschuss.

Ein Monopol zu knacken ist eben kein Campingausflug und Lemcke keine 30 mehr, sondern 40. „Eigentlich sind wir viel zu alt für das alles“, sagt er.

Das alles, damit meint er die Welt der Gewürze. Madagaskar-Vanille und fermentierter Pfeffer, Steakaroma und Grillmarinade, Rühreimischung und Spekulatius-Substanz. Lemckes’ Business, geführt unter dem Namen Ankerkraut. Das alles, das sind aber auch: kurze Nächte und lange Abende, viel Bier und Rotwein mit Investoren, zu viele Zigaretten in zugigen Hotelfoyers. Das alles, das sind Grillevents an nahezu jedem Sommerwochenende, Warenterminbörsen mit Rewe und Edeka im Herbst und im Frühjahr. Das alles, das ist nicht nur die Geburt eines Unternehmens, sondern eine ultimative Belastungsprobe: der Versuch, Deutschlands wohl letztes Monopol zu knacken – die Gewürzbranche.

Zwar gibt es im Regal neben Marktführer Fuchs auch Pfeffer von Ostmann oder Kräuter von Wagner. Aber gemeinsam haben sie alle zweierlei: die exorbitant hohe Marge. Und den Eigentümer: Dieter Fuchs.

Still und heimlich hat sich der Mann aus dem Teutoburger Wald ein Imperium der Küchenpulver zusammengekauft, leidlich beobachtet vom Kartellamt, wo man das heute bereut. Fuchs gehören ja auch noch Ubena, Kattus, Bamboo oder Escoffier. Insgesamt zählt seine „World of Spices“ 37 Tochtergesellschaften. Zusammen bilden sie den zweitgrößten Gewürzspezialisten der Welt, repräsentieren 80 Prozent des deutschen Marktes.

Ein Quasi-Monopol – mitten im Jahre 2017. Allerdings auch eines, das bröckelt. Zwar würzt Fuchs die Pringles-Chips, macht die Meggle-Kräuterbutter grün und die Dr.-Oetker-Pizzen schmackhaft. Dennoch sank im letzten öffentlichen Jahresabschluss das Ergebnis von 21,6 auf 13,7 Millionen Euro. Und so lohnt sich, um die Ursachen zu klären, ein Blick auf diejenigen 20 Prozent des Gewürzmarktes, die Fuchs nicht kontrolliert – und die Frage, ob so ein Monopol allein mit den Kräften des Marktes überhaupt je wieder aufzulösen ist.

Der Hamburger Hafen, ein halbes Jahr bevor Stefan Lemcke am Rhein steht und zweifelt. Ankerkraut sitzt versteckt in einem Backsteingebäude, ohne großes Schild. Stefan, der darum bittet, ihn zu duzen, teilt sich seinen Schreibtisch mit dem Controller. Jeder Arbeitsplatz wird gebraucht, im Untergeschoss steht alles voll mit Säcken aus Übersee: Pfeffer aus Kambodscha, Curry aus Indien, Salz aus Hawaii. Nur die Madagaskar-Vanille lagert in kleinen weißen Plastikkisten. Das Kilo kostet 1000 Euro. Die Halle ist eigentlich längst zu klein, vier Mal sind sie in den vergangenen Jahren umgezogen, wollten schon neu bauen auf der grünen Wiese. Wurde dann nichts. Nun wieder eine Übergangslösung.

Als Stefan, gelernter Buchbinder, sich vor vier Jahren entschied, sein Hobby zum Beruf zu machen, funktionierte das Geschäft noch von daheim. Er hatte immer schon gerne gekocht und gegrillt, sich dafür von seinen Reisen stets Gewürze mitgebracht und angefangen, sie in der Küche für Freunde zu mischen. Als Anne, gerade mit dem zweiten Kind schwanger, ihm das erste Mal helfen musste, ahnte er, dass es für eine eigene Firma reichen könnte. Von Fuchs’ Monopol wusste er nichts. Heute ist er einer der aussichtsreicheren, wenn auch nicht der einzige, Kämpfer gegen dieses Monopol.

Bald schon gaben Stefan und Anne ihre Jobs auf, holten die 35.000 Euro Erspartes von der Bank und kauften Maschinen. In den ersten Monaten lief das Geschäft zäh, doch schnell wurde Ankerkraut bekannter. Stefan experimentierte mit Mischungen, Verpackungen und Größen. Anne, Medienkauffrau und frühere PR-Managerin der Techno-Kapelle Scooter, übernahm Design, Werbung und Social Media. Sie bauten einen Onlineshop und eine Facebook-Gemeinde, um die sich Anne noch heute immer und überall persönlich kümmert.

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Angriff auf Deutschlands letztes Monopol

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Schmackhaftere Speisen

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Nicht nur Kunden, sondern Fans

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