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Gekauft wird jetzt, gezahlt wird später

Verschiedene Konzepte können Mittelständler in Anspruch nehmen, wenn sie ihre Kapitalkosten senken und ihre Liquidität sichern wollen. Alle laufen auf eines hinaus: ein längeres Zahlungsziel.

KölnJohannes Kuderer, Geschäftsführer der Pneuhage Unternehmensgruppe, braucht zum Geldverdienen einen langen Atem. Übers Jahr sammelt der Einzel- und Großhändler in seinen Lagern Autoreifen. Mal sind es Hunderttausende Sommer-, dann wieder Winterreifen - je nach Saison. Dann verkauft er sie auf einen Schlag weiter. Das Besondere daran: Kuderer verdient trotz der langen Lagerzeiten Geld, weil seine Bank das Vermögen, das er in Form von Reifen bunkert, als Sicherheit für die Zwischenfinanzierung anerkennt. Das Erfolgsrezept seines Geschäfts ist die antizyklische Beschaffung, die dem Unternehmen mit seinen 360 Millionen Euro Jahresumsatz und 1.300 Mitarbeitern günstige Einkaufspreise beschert.

Den finanziellen Spielraum, das ganze Jahr über mit Lieferanten Rabatte zu verhandeln und kurzfristige Preistiefs auszunutzen, verdankt Finanzchef Kuderer einem neuen Finanzierungskonzept: dem Borrowing Base, was auf Deutsch so viel wie Beleihungsgrundlage heißt. Damit ist ein Kredit gemeint, der ausschließlich durch das Umlaufvermögen der Firma, also den Warenbestand und die Forderungen, abgesichert wird.

Borrowing-Base-Kredite sind teurer als klassische Betriebsmittelkredite, haben aber einen Vorteil: Nach einer Wert- und Risikoanalyse der Bestände, Forderungen und Geschäftsprozesse räumen die Anbieter Unternehmen eine atmende Kreditlinie ein. Das Unternehmen erteilt der Bank regelmäßig Rapport über die Bestandsentwicklung, damit diese die Kreditlinie laufend an das Geschäftsvolumen anpasst. "Wer viel einkauft, bekommt mehr Kredit eingeräumt, ohne allzu häufig mit der Bank in Kontakt treten zu müssen", sagt Peter-Josef Becker von der Commerzbank. "Interessant ist das für Unternehmen, die stark expandieren oder es mit enorm schwankenden Rohstoffpreisen zu tun haben."

Das Konzept ist, Rechnungen später zu begleichen und trotzdem dafür zu sorgen, dass der Zulieferer über den Zwischenfinanzierer sein Geld früh bekommt. "Auf der Suche nach zusätzlicher Liquidität und Finanzierungswegen werden Unternehmen immer häufiger an der Schnittstelle zwischen Einkauf, Logistik und Finanzen fündig", erklärt Marko Schmidt, Partner der Unternehmensberatung Camelot Management Consultants. "Mittlerweile gibt es einen ganzen Strauß von Finanzierungskonzepten, die entlang der Lieferkette die Gewinnchancen und Verlustrisiken auf mehrere Schultern verteilen und so Kapital für Finanzierungszwecke nutzbar machen, das eigentlich im Unternehmen gebunden ist."

Wie zum Beispiel die sogenannte Bestandsfinanzierung, auf die der Unternehmer Thomas Bischoff setzt. Der Hersteller von Rollstühlen und Rollatoren aus Karlsbad bei Stuttgart wächst seit Jahren zweistellig und baut bei der Finanzierung dieses Wachstums neuerdings auf den Logistiker Simon Hegele. Der Dreh: Der Dienstleister managt für den Reha-Spezialisten nicht nur Logistik und Lager, sondern auch den operativen Einkauf und streckt dafür sogar das notwendige Kapital für die Materialbeschaffung vor. Bischoff muss die Rechnungen für die Teile, die er in seiner Produktion verbaut, erst bezahlen, wenn er seine fertigen Waren verkauft hat. So reduziert Bischoff die Zinsen für die Finanzierung seiner Warenbestände und kann Cash-Flow und Eigenkapitalquote verbessern.

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Der umgedrehte Forderungsverkauf

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