Ausländische Erntehelfer
„Heimische Arbeitskräfte halten dem Druck nicht stand”

Das Geschäft mit den ausländischen Saisonarbeitern blüht in Deutschland – tausende Agrarökonomen müssen sich auf die billigen Arbeitskräfte verlassen. Für die geht es oft um ein Gehalt, das fürs ganze Jahr reichen muss.
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Hannover/WinsenAnfang April machen sie sich jedes Jahr mit ihrem kleinen Auto auf den Weg nach Deutschland. Seit 22 Jahren fährt Lilianna Cholubek mit ihrem Ehemann Waldek dann die fast 500 Kilometer aus dem kleinen polnischen Dörfchen Starzyce nach Niedersachsen ins nicht viel größere Hoopte, um an der Elbe als Erntehelferin zu arbeiten. Den Wagen hat sie vollgeladen mit Einmachgläsern - Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten sollen helfen, Geld zu sparen.

„In Polen gibt es keine Arbeit, es ist schwer“, sagt die in Hoopte nur „Lilli“ genannte 40-Jährige. Die Einkünfte der zwei Monate in Hoopte müssten reichen fürs ganze Jahr, sagt sie. Mit 18 war Lilli das erste Mal hier, da hatte sie gerade das Lyzeum abgeschlossen. Cholubek arbeitet als Spargelstecherin im Akkord und verdient bis zu zwölf Euro die Stunde, meist sind es neun bis zehn. Gutes Geld, sagt sie, auch wenn Milch oder Benzin in Polen bald nicht mehr viel weniger kosten würden als in Deutschland.

Der Wohncontainer auf dem Hof hat zwei Betten und einen Fernseher, er kostet zwei Euro pro Nacht. „Wir kommen nur her zum Arbeiten, abends wird geschlafen“, sagt die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz. Morgens um 5 Uhr steht sie auf, um sechs Uhr geht es los auf den Feldern bei Ramelsloh und anderswo. In den langen Reihen erkennt sie den reifen Spargel mit geübtem Blick, winzige Risse oder Erhebungen im Boden reichen ihr. Wo der Laie gar nichts sieht, da packt sie immer wieder zielsicher ins Erdreich, greift die Stange behutsam beim Kopf und sticht an der Wurzel zu. Wie oft am Tag sie das macht, das hat sie nie gezählt.

Der Familienbetrieb in Hoopte bewirtschaftet fast 170 Hektar, Spargel und Erdbeeren bedecken rund die Hälfte der Fläche. So um die 130 Kilogramm Spargel schaffe eine Erntehelferin wie Lilli am Tag, sagt Senior-Chef Herbert Löscher. Das sind mehr als 3000 Stangen. Auf dem Hof sind in diesem Jahr fast 170 Hilfskräfte im Einsatz, vor allem Polen und Rumänen, kein einziger Deutscher.

„Bei uns arbeiten die Erntehelfer in Gruppen im Akkord, dem Druck halten die heimischen Arbeitskräfte nicht stand“, sagt Löscher. Da mangele es an Motivation und Geschwindigkeit, meint er. Es sei ungerecht den polnischen und rumänischen Arbeitskräften gegenüber, wenn die Deutschen schlapp machten. „Wir haben schon vor sieben, acht Jahren aufgegeben, nach deutschen Kräften zu suchen.“ Solche Probleme habe er mit den ausländischen Helfern viel seltener, auch von Cholubeks Einsatz ist er begeistert. „Ich bin mit Lilli total zufrieden. Ihr Schwager hat hier mittlerweile eine Festanstellung und arbeitet als Schlepperfahrer.“

Die meisten Spargelstecher auf deutschen Feldern kommen inzwischen aus Rumänien. Noch vor ein paar Jahren waren die meisten Erntehelfer Polen, doch das habe sich geändert, sagt Burkhard Möller, Sozialreferent beim Deutschen Bauernverband. Polen gehe es wirtschaftlich besser als früher, da blieben viele im eigenen Land und arbeiteten dort. Für die Spargel- und Obsternte seien aber auch dieses Jahr wieder rund 270.000 Saisonarbeiter nach Deutschland gekommen - darunter etwa 170.000 Rumänen und 100.000 Polen. Für Rumänien gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU noch nicht, sie profitieren aber von der Ausnahmeregelung, die unter anderem für Saisonarbeiter gilt. „Zur Zeit haben die Betriebe überhaupt keine Probleme, Arbeitnehmer zu finden“, sagt Möller.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Was macht eigentlich ein Spargelstecher...

    wenn e gerade keine Spargel sticht?
    Spargel stechen ist eine Fachtätigkeit, bei der man Gepür und Erfahrung braucht. Man knn also nicht jedes Jahr auf's Neue irgendwelche Hilfskräfte anlernen. Das bedeutet, dass die Fachleute jedes Jahr ur Erntezeit zur Verfügung stehen müssen. Was machen diese außerhalb der Erntezeit? Von Hartz IV leben? Das funktioniert nicht.
    Solche Saisonkräfte müssen die Chance haben, innerhalb ihrer Saison den größten Teil ihres Lebensunterhalts verdienen zu können. Gehen wir von einem Monatsbrutto von nu 1500 Euro aus, so wären das 18.000 (+ Arbeitgeberanteil SV usw.)
    Man sieht sofort, dass es ökonomisch nicht realistisch ist, solche Fachkräfte in Deutschland vorhalten zu wollen. Es geht rein ökonomisch nicht. Es ist sogar sehr viel wahrscheinlicher, dass der Spargelanbau in Deutschland aufgegeben werden muss, sobald sich die Gefälle bei den Lebenshaltungskosten weiter angleichen. Es ist wahrscheinlich sehr viel einfacher, frischen Spargel z.B. aus der Mongolei einfliegen zu lassen, als die benötigten Arbeitskräfte von dort zu akzeptablen Bedingungen hierher zu holen. Das wird der Vermaisung Deutschlands Vorschub geben.
    das zeigt übrigens auch, dass die DDR mit ihrer Version der Industrialisierung der Landwirtschaft zumindest in der Idee richtig lag. Bauernhof ist out.

  • @sklavenhalter:
    Sehen Sie's doch mal weniger links-ideologisch: Wenn ich mit Spargelstechen nur unwesentlich mehr verdiene als Harz4, dann wäre jeder der das tut ein ziemlicher Idiot. Sie und ich würden es auch nicht tun.

    Und von wegen "Großagrarier" - sie sind bestimmt Ethikrat oder Waldorfkindergärter und haben keine Ahnung wie hart im Handwerk und in der Landwirtschaft gearbeitet werden muss - auch von den angeblichen "Großagrariern" selbst.

    Ich weiß nicht auf welchem Planet Sie leben, aber in meinem Dorf fährt kein Landwirt im goldenen Rolls Royce durch die Gegend.

  • was labert herr löscher,der die notsituation seiner fremdarbeiter ausnützt,denn fürn altertümliches sklavenhalter gebräu

    selbstverständlich findet er arbeitskräfte in unserem land,wenn er die sozialen mindeststandards einhält und die leute nicht mit überzogenen arbeitszeiten ,zu hohen akkordvorgaben überfährt und ihnen auch die gesetzlich garantierten mitbestimmungsrechte zugesteht und auch für ein gesamtes arbeitsleben ein menschenwürdiges auskommen zusichert

    erbärmlich wie hier unkritisch berichtet wird.jung, leistungsfähig,gesund,unterwürfig und schicksalsergeben sollen die kreaturen sein,die diesem edelexemplar eines großagrariers die kasse garantiert füllen

    wir sind ein geistig armes deutschland

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