Ausländische Käufer schauen auf kleinere Firmen
Russland im Fokus für Übernahmen

Russland ist wegen der Finanzkrise auf dem Weg, zu einem Schnäppchenmarkt für Unternehmensübernahmen vor allem im mittleren Segment zu werden. Viele private Firmen stehen unter erheblichen Druck zu verkaufen, weil sie entweder keine Kredite mehr bekommen oder ihre finanziellen Verpflichtungen nicht begleichen können.

MOSKAU. Für diese Unternehmen mit einer Umsatzgröße zwischen fünf und acht Mrd. Dollar gebe es im Ausland eine Reihe von Interessenten, sagt Michael Knoll, Partner bei der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers (PWC). "Vor der Krise waren vor allem börsennotierte Unternehmen interessant, jetzt fällt die Aufmerksamkeit auf kleinere private Firmen."

PWC erwartet in Russland ein Abflauen der großen Übernahme-Aktivitäten in den kommenden neun bis 18 Monaten. Dagegen dürften Transaktionen mit einem Volumen zwischen 40 und 400 Mio. Dollar stabil bleiben. Im ersten Halbjahr hatte das Volumen der Übernahmen nach einer kurzen Verschnaufpause noch einmal zugelegt - trotz erster Anzeichen der Finanzkrise. Insgesamt schlossen Unternehmen Geschäfte im Wert von 72 Mrd. Dollar ab, gut ein Viertel mehr als im Vorjahreszeitraum. In der Summe hatte jedoch eine Transaktion ein ganz besonderes Gewicht: Der Einstieg des Alu-Produzenten Rusal beim Nickel-Konzern Norilsk Nickel für 16 Mrd. Dollar sorgte allein für 22 Prozent des gesamten Volumens.

Im mittleren Segment sind es nach Angaben von PWC vor allem US-Firmen, die sich in diesem Jahr in Russland eingekauft haben. Umgekehrt investierten auch russische Unternehmen am liebsten in den USA. Doch nicht nur die Amerikaner haben den Markt entdeckt: Auch Firmen aus Mittel- und Osteuropa seien sehr aktiv, sagt Peter Semler von Merger Markets. So habe sich die tschechische Beteiligungsgesellschaft Penta auf Einkaufstour in Russland begeben und dort bevorzugt Unternehmen in der Größe von 100 bis 200 Mio. Dollar aufgekauft.

"Der Bedarf an Kapital wird die Übernahmeaktivitäten antreiben", sagt PWC-Partner Knoll. Die mittelgroßen russischen Unternehmen könnten sich erst recht in Zeiten der Krise keinen Börsengang leisten. "Ihre Wachstumsaussichten hängen davon ab, ob sie einen solventen Partner finden", sei es einen russischen oder einen aus dem Ausland.

Semler erwartet deshalb in den nächsten sechs Monaten eine Häufung innerrussischer Übernahmen. Nachdem die Unternehmen in den vergangenen Boomjahren vor allem auf "Wachstum um jeden Preis" gesetzt hätten, gehe es nun darum, Kosten zu senken und effizienter zu werden. Doch auch Not-Verkäufe seien nicht ausgeschlossen.

Einen Einblick in die Nöte so mancher russische Unternehmen gibt der Einzelhandel: Die X5-Gruppe, die mehrere Supermarktketten besitzt, gab zu Wochenbeginn bekannt, sie würden Zahlungen an Zulieferer verzögern, die Preiserhöhungen durchsetzen wollten. Die Schuhladen-Kette Obuv Rossii kündigte an, alle Expansionsprojekte einstellen zu wollen. Michael Harms, Chef der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, rechnet fest damit, dass auch deutsche Unternehmen in den kommenden Monaten die Chance nutzen werden, um Handelsfirmen zu übernehmen.

Noch sei das Bewusstsein, dass sich auch in Russland die Marktsituation im Zuge der Krise ändert, aber noch nicht überall angekommen, sagt PWC-Partner Knoll. Geschäfte würden platzen, weil die Vorstellungen der Verkäufer noch zu hoch seien. "Die Preise waren zuletzt überzogen", sagt er. Je nach Branche sei ein Rückgang von bis zu 25 Prozent realistisch.

2007 stieg das Volumen insgesamt auf rund 125 Mrd. Dollar. Der nationale Übernahme-Markt macht Schätzungen zufolge inzwischen rund neun Prozent des Bruttoinlandproduktes aus. Zum Vergleich: in den USA sind es 11 Prozent.

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