Auslandsengagement
„Korruption gehört zum Alltag in Russland“

Die russische Unterwelt hat mit einem Auftragsmord den ersten Vize-Chef der Zentralbank töten lassen. Es sind Nachrichten wie diese, die viele Unternehmen vor einem Engagement in dem Land zurückschrecken lassen. Korruption oder fehlende Rechtssicherheit bleiben unangenehme Hürden. Dabei sind die Erfolgsaussichten auf dem Markt so groß wie nie zuvor.

DÜSSELDORF. Die russische Wirtschaft boomt. Die atemberaubende Entwicklung der vergangenen Jahre macht Russlandinvestitionen zunehmend interessant. Viele westeuropäische Unternehmen zögern allerdings mit einem Markteinstieg. Denn einige Probleme sind noch ungelöst.

Obgleich so manches ausländische Unternehmen auf dem russischen Markt steile Zuwächse einfährt, ist die Tätigkeit vor Ort noch immer beschwerlich. Das liegt vor allem an intransparenten Entscheidungsstrukturen der Verwaltung. Trotz der Gesetzesreformen ist der rechtliche Rahmen für viele Europäer immer noch unverständlich. Auch Korruption bleibt ein Thema.

Die Angst, selbst Opfer mafiöser Machenschaften werden zu können, hält viele in Russland aktive Unternehmen von allzu lauter Kritik ab. Doch das Problem ist allen bewusst. "Man trifft leider noch sehr oft Leute, die in die eigene Tasche wirtschaften, sei es bei der Visabeschaffung, bei der Arbeitserlaubnis oder ganz einfach im Straßenverkehr", heißt es in einem Interview mit einem deutschen Geschäftsmann, das in der aktuellen Broschüre der Delegation der deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation veröffentlicht wurde. "Das gehört zum Geschäftsalltag in Russland." Dabei sei es manchmal einfacher, sich mit der entsprechenden Person zu einigen, anstatt den „Gang in die Behörden“ anzutreten, der viel Zeit und Geduld in Anspruch nehme.

Nach Angaben der internationalen Organisation Transparency International (TI) versucht mindestens jeder fünfte Russe, durch Bestechungsgelder seine Probleme zu lösen. Die russischen TI-Vertreter allerdings gehen von einer viel höheren Zahl (rund 56%) aus.

Meldungen von Auftragmorden an Menschen, die den Mächtigen im Land unangenehm werden, schockieren zusätzlich. Jüngstes Beispiel ist der Fall Andrej Koslow. Seine Ermordung gilt vielen als Beweis, dass Russlands Geschäftswelt unter Kremlherr Wladimir Putin keineswegs sicherer geworden ist. Koslow, oberster Bankenaufseher und Vizechef der Zentralbank, starb am Donnerstag mit mehreren Kugeln im Körper an den Folgen eines Attentats. Ermittler vermuten die Hintermänner in der Bankenwelt. Wiederholt hatte Koslow betont, sein besonderes Augenmerk gelte jenen kleinen Moskauer Banken, die sich auf Geldwäsche und Steuerhinterziehung spezialisiert hätten.

Im Fokus der ausländischen Unternehmen steht allerdings vielmehr die mangelnde Rechtssicherheit. An der Entscheidung einzelner Personen kann mitunter das gesamte Russland-Engagement scheitern, ohne dass der Unternehmer dagegen wirksame Rechtsmittel einlegen kann. Der schwelende Konflikt um den Ölkonzern Jukos hat die Geschäftstätigkeit der meisten ausländischen Firmen bisher zwar nicht unmittelbar beeinflusst. Dass ein erfolgreiches Unternehmen allein durch staatlichen Druck zerschlagen werden kann, nährt jedoch nach wie vor die Zweifel an der Berechenbarkeit russischer Politik.

Ohne einen guten Draht zu den Behörden läuft oft nichts. Der von Experten empfohlene Umgang mit wichtigen Ämtern wie der Steuerbehörde kommt einem strikten Verhaltenskodex gleich, bei dem es allein darum zu gehen scheint, die jeweiligen Entscheider gnädig zu stimmen. Oft mischen die Amtsträger in den Bereichen, für die sie zuständig sind, als Geschäftsleute selber kräftig mit. Die Knüppel, die Bürokraten Investoren zwischen die Beine werfen können, haben auch große westliche Unternehmen bereits zu spüren bekommen. So der schwedische Möbelkonzern Ikea, der sich schon mehrmals mit örtlichen Behörden auseinander setzen musste.

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