„Automobile Sozialisation fehlt“
Deutsche machen Chinas Straßen sicherer

Die Zahl der Verkehrstoten ist in China dramatisch gestiegen. Grund ist eine gefährliche Mischung aus fahrerischen und technischen Defiziten. Um das Problem in den Griff zu bekommen, greift die Volksrepublik auf deutsches Know-how zurück.

bfai SHANGHAI. Überproportional zur Entwicklung des Fahrzeugbestands steigt in der VR China die Zahl der Verkehrsunfälle und -toten. Laut "Shanghai Daily" rollen nur etwa 3 Prozent der Kraftfahrzeuge der Welt über chinesische Straßen, während sich 15 Prozent aller weltweiten Unfälle in dem Land ereignen. Ansätze zu mehr Sicherheit gibt es zahlreiche – von der Unfallforschung, über verbesserte Ausbildung bis hin zu mehr Sicherheitstechnik. Dabei gilt es, zuerst durch Verkehrsaufklärung und Bewusstseinsbildung auf allen Ebenen eine entsprechende Nachfrage zu schaffen.

Über 100 000 Verkehrsopfer pro Jahr zählt Chinas Ministry of Public Security. Auch chinesische Unfallforscher gehen indessen von weitaus höheren Werten aus. Doch schon diese Angabe ist angesichts der geringen Pkw-Dichte erschreckend hoch, denn während in Deutschland auf 1 000 Pkw 0,15 Verkehrstote pro Jahr kommen, sind es in der VR China 8,1 – so ein Ergebnis eines Mitte 2005 von der Konzernforschung der Volkswagen AG ins Leben gerufenen Forschungsprojekts an der Shanghaier Tongji-Universität zur Verkehrssicherheit in China. Auch andere Autobauer sind aktiv: Im Sommer 2006 initiierte Peugeot Citroen (China) unter anderem zusammen mit Elternmagazinen eine Kampagne, die beispielsweise die bislang nahezu unbekannte Verwendung von Kindersitzen propagiert.

Dagegen steht die offizielle Unfallforschung erst am Anfang und beschränkt sich nicht selten auf wenig nachhaltige, dafür aber umso plakativere Kampagnen. Noch größer fallen die Wissenslücken in der Bevölkerung aus. Dabei sind die Unfallursachen vielfältig - und stehen nicht selten in fatalem Zusammenhang. Beispielsweise setzen sich Zweiradfahrer einem höheren Risiko aus, indem sie bei Dunkelheit ohne Beleuchtung fahren. In der Tat sind die meisten Unfälle in erster Linie auf fahrerisches Fehlverhalten zurückzuführen.

„Automobile Sozialisation fehlt“

Basis ist eine fehlende adäquate "automobile Sozialisation", so Axel Tenzer von der Konzernunfallforschung der Volkswagen AG - sprich: der Umstieg vom Fahrrad auf das Automobil erfolgte zu rasch. Hieraus resultieren häufig falsche Einschätzungen möglicher Gefährdungssituationen und der mit ihnen verbundenen Folgen. "Auf chinesischen Straßen werden brenzlige Situationen nicht über eine Drosselung der Geschwindigkeit entschärft, sondern durch lautes Hupen 'gelöst' ", wird dies beispielsweise beschrieben. Die Folgen sind umso gravierender, weil oft selbst einfache Regeln, wie Anhalten an roten Ampeln, nicht beachtet werden und sich die Fahrer entsprechend einer auf "Größe" basierenden "Hackordnung" ihren Weg bahnen. Nutzfahrzeuge nehmen auf niemanden Rücksicht, Pkw nur auf Nutzfahrzeuge und Fußgänger finden sich am Ende der Rangordnung wieder.

Die mangelhafte Ausbildung der Fahrschüler trägt bislang kaum dazu bei, mit dem weit verbreiteten Unwissen über mögliche Unfallgründe aufzuräumen. Hier engagiert sich neuerdings der deutsche Fachverlag Degener. Im Rahmen eines Joint Ventures in Beijing und in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Verkehrsministerium hat er für die VR China innovatives Lehrmaterial für Fahrschüler und -lehrer entwickelt, welches zunächst in einem Pilotvorhaben in der Provinz Guangdong getestet wurde, nun aber landesweit Verbreitung finden soll. In eine ähnliche Richtung geht ein Volkswagen-Projekt, in dessen Rahmen für das chinesische Fernsehen eine Serie analog des "Siebten Sinns" erarbeitet wird.

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