Backmischungen
Kathi: der Oetker von der Saale

Jahrzehntelang kämpfte Familie Thiele in der DDR für ihr Unternehmen. Nach der in der DDR-Propaganda als "freiwillige Betriebsübergabe" bezeichneten Enteignung der Firma bekamen die Thieles nach dem Zusammenbruch der DDR ihr Eigentum zurück. Der Kampf hat sich gelohnt. Nach der Wende schaffte es die einstige DDR-Bückware Kathi wieder ganz nach oben.

DÜSSELDORF. Alles begann mit Rührkuchen. Oder besser gesagt mit dem Wunsch nach einem Rührkuchen und der Unmöglichkeit, Ende der 40er-Jahre in der DDR einen solchen zu backen. Weil es immer irgendwas gerade nicht gab. Wenn die Lebensmittelhändler Zucker hatten, dann gab es gerade kein Mehl. Oder umgekehrt. Und wenn ausnahmsweise mal beides im Angebot war, dann war garantiert die Stärke aus.

Einen besseren Absatzmarkt für Backmischungen konnte es nicht geben. Kurt Thiele und seine Frau Käthe Pötzsch aus Halle an der Saale erkannten das Potenzial, boten 1951 unter dem Namen Kathi als Erste jene handlichen Päckchen an, in denen - abgesehen von Eiern und Wasser - alles drin ist, was ein Rührkuchen braucht. Dr. Oetker aus dem Westen zog auf dem Endkundenmarkt erst 1970 mit seinen Backmischungen nach.

Heute ist Kathi Marktführer in Ostdeutschland. Wieder. Und es ist auch wieder in den Händen der Familie Thiele - derjenigen, die unermüdlich und jahrzehntelang um ihr Unternehmen gekämpft haben. So, wie es eben nur eine Familie kann. Rainer Thiele, als zweite Generation im Familienunternehmen, hätte diesen Erfolg - seine Firma nach der Wende zurückzuerhalten - fast mit dem Leben bezahlt. Im Frühjahr 1991 erhielt Thiele vom Landratsamt die Mitteilung, von der er jahrelang nur hatte träumen können: Die Familie bekommt ihr Unternehmen wieder. Kaum war Thiele mit der guten Nachricht zu Hause, erlitt er einen Herzanfall. "Ich war physisch und psychisch am Ende", sagt er heute. Die Schlacht hatte er gewonnen - aber dabei viel Kraft gelassen.

Begonnen hatte den Kampf um die eigene Firma und gegen die Wirtschaftspolitik der DDR sein Vater Kurt, der Gründer von Kathi. Es war um das Jahr 1958, als in der DDR beschlossen wurde, auch die bis dahin noch privatwirtschaftlich agierenden Klein- und Mittelbetriebe zu enteignen. Kathi bekam zwangsweise einen Volkseigenen Betrieb (VEB) als Gesellschafter, dem bald 67 Prozent der Firma gehörten.

Und das Schlimmste stand da noch bevor. Im Februar 1972 fand in Weimar der elfte Parteitag der LDPD statt. In der "F.D.P. des Ostens", de facto eine machtlose Blockpartei, waren die meisten der Noch-Selbstständigen organisiert, sie sollte ihnen die geplanten Grausamkeiten möglichst schonend beibringen. Komplementäre, das heißt Ex-Privatunternehmer aus dem ganzen Land, wurden mit Bussen nach Weimar gekarrt.

Was man ihnen dort eröffnete, wollten einige der Beteiligten kaum glauben. Auch Kurt Thiele hoffte, dass noch irgendwas zu retten sein würde. Ein Irrtum. Kurz nach dem Parteitag betrat eine Gruppe von unbekannten Männern die Kathi-Verwaltung, einer von ihnen sagte sinngemäß zu Kurt Thiele und seinem Sohn: "Die Firma wird enteignet. Ihr habt ja sowieso nichts zu tun, deshalb geht ihr jetzt mal raus, und wenn wir fertig sind, dann rufen wir euch."

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