Bautätigkeit und Konsum stagnieren
Spaniens Unternehmer sind in Not

Spaniens Mittelstand steht stark unter Druck. Die Konjunktur wird immer schwächer und die bisherige Hauptfinanzierungsquellen, Banken und Sparkassen, fallen für die meisten kleinen und mittleren Unternehmen zunehmend aus. Die Folge: Im zweiten Quartal meldeten laut dem Nationalen Statistikinstitut INE 542 spanische Unternehmen Konkurs an - 156 Prozent mehr als im Vorjahr.

MADRID. Ein Großteil dieser Unternehmen sind mittelständisch: Rund zwei Drittel verzeichneten einen Umsatz von weniger als zwei Mill. Euro, nur zehn Prozent dagegen mehr als zehn Mill. Euro Umsatz. Nur sieben Prozent der Konkursunternehmen haben mehr als hundert Mitarbeiter, der Großteil sogar weniger als 49. "Es gibt derzeit keine vernünftige Finanzierung für kleinere Mittelständler - wenn sie überhaupt Mittel bekommen dann nur sehr kurzfristige und entsprechend teure", weiß Manuel Romera, Direktor für Finanzwissenschaften an der Managementhochschule Instituto de Empresa in Madrid.

Die Bautätigkeit und der Konsum stagnieren, vor allem deshalb bewegt sich das Wirtschaftswachstum insgesamt mit großen Schritten in Richtung Null. Im zweiten Quartal dieses Jahres wuchs die spanische Wirtschaft, bis vor kurzem noch einer der kräftigsten Motoren der europäischen Konjunktur, nur noch um klägliche 0,1 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal. Schnell gehen dem Mittelstand die Eigenmittel aus. In Spanien ist der Anteil an Kleinstunternehmen mit weniger als neun Mitarbeitern besonders groß.

Gleichzeitig verdoppelte sich die Rate der notleidenden Kredite bei den Banken innerhalb eines Jahres auf 1,61 Prozent im Juni. Entsprechend ängstlich sind die Banken bei der Kreditvergabe geworden. "Noch 2006 gab es jede Menge Kredite, jetzt haben die Banken und Sparkassen den Hahn zugedreht, vor allem für alle Unternehmen, die irgendwie mit dem Immobilien- oder Bausektor zusammenhängen, aber auch in anderen Sektoren wird jeder Kreditantrag akribisch geprüft, selbst schon genehmigte Darlehen werden oftmals einfach auf Standby gesetzt", sagt Javier López, Präsident des Finanzbrokers Credit Services in Madrid. Wenig hilfreich ist auch der gestiegene europäische Leitzins Euribor. "Viele Projekte wären bei einem Euribor von zwei Prozent noch akzeptiert worden, aber mit einem Leitzins von fünf oder sechs Prozent geht die Rechnung nicht mehr auf", sagt López. Seine Firma ist auf die Beschaffung von Finanzierung für private oder mittelständische Unternehmen spezialisiert.

Ihr erstes Ziel bei der Suche nach Finanzierung für ihre Klienten sind spanische, dann internationale Banken. Funktioniert das nicht, wie derzeit häufig, dann ist der nächste Schritt die Suche nach Investoren, die eine Firmenbeteiligung erwerben wollen - vor allem unter ausländischen Investoren. Denn in Spanien gibt es bisher "keine Kultur der privaten Investitionen in kleine oder mittelständische Unternehmen, es gibt praktisch keine Fonds für diesen Bereich", versichert Manuel Romera von der Hochschule Instituto de Empresa.

Daran scheitert etwa auch das neue Mittelstandssegment des spanischen Börsenbetreibers BME. Der gerade im März ins Leben gerufene "Alternative Börsenmarkt für expandierende Unternehmen", kurz MAB, führt ein Schattendasein, ist praktisch nicht existent. "Da es keine Investoren gibt, wollen die Unternehmen nicht im MAB notieren, denn sie müssen fürchten, dass es ihr Image schädigt, wenn keiner ihre Aktien kauft", weiß Romera.



Zwar gibt es im Bereich Risikokapital seit einigen Jahren ein starkes Wachstum, jedoch haben die Investoren naturgemäß vor allem Interesse an mittelgroßen, bereits konsolidierten Unternehmen mit mehr als 100 Angestellten. In diesem Segment sieht Javier López derzeit große Investmentgelegenheiten.

Angesichts der Kreditdürre seien die besten Mittelständler in praktisch allen Branchen mittlerweile sehr offen auch für große Beteiligungen geworden. "Waren diese Unternehmen früher noch sehr zögerlich, mehr als zehn Prozent Beteiligung zuzulassen, werden Investoren, die finanziellen Sauerstoff bis 2010 versprechen, mittlerweile mit offenen Armen empfangen, da kann man heute günstig hohe Beteiligungen in sehr soliden Unternehmen im mittleren Segment zwischen 30 und 100 Mill. Umsatz bekommen", sagt López.



Zwar verkündet die sozialistische Regierung in regelmäßigen Abständen neue Kreditprogramme für den Mittelstand und insbesondere für die Immobilienbranche. Doch "insgesamt sind das Tropfen auf den heißen Stein, die allenfalls für befreundete Unternehmer der zuständigen Politiker zugänglich sind, normale Unternehmen kommen da nicht ran", weiß López. Nach Meinung von Romera sind die öffentlichen Finanzhilfen zudem "schlecht gezielt, das geht größtenteils in den Immobiliensektor, dabei müsste es vor allem in innovative oder exportierende Unternehmen gehen."

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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