Bauwirtschaft
Polen brauchen deutsches Expertenwissen

Die polnische Bauwirtschaft durchlebt gegenwärtig einen Aufschwung. Alle größeren Unternehmen der Branche erhöhten im Laufe des Jahres 2006 ihre Investitionen deutlich. Für deutsche Unternehmen bestehen Geschäftsmöglichkeiten insbesondere bei technisch komplizierten Vorhaben.

bfai WARSCHAU. Die allgemein günstige wirtschaftliche Entwicklung in Polen wirkt sich auch positiv auf die Bauwirtschaft des Landes aus, die ihre Flaute der vergangenen Jahre überwunden hat und nun zweistellige Zuwachsraten erwartet. Sämtliche größeren Unternehmen ab 50 Mitarbeiter erhöhten nach Angaben des Hauptamtes für Statistik (GUS) im 1. Halbjahr 2006 ihre Investitionen gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um real 15,6% auf fast 28,7 Mrd. Zloty (Zl; rund 7,5 Mrd. Euro; 1 Zl = etwa 0,26 Euro).

Dabei senkten sie allerdings ihre Aufwendungen für Bauarbeiten um 1,7%. Die rege Investitionstätigkeit soll auch im 2. Halbjahr 2006 anhalten, zumal die Unternehmen im 1. Halbjahr einen Nettogewinn von insgesamt fast 31 Mrd. Zl erwirtschaftet haben. Die Nachfrage sowohl aus dem Ausland als auch aus dem Inland ist rege. Der Export stieg auf Euro-Basis im 1. Halbjahr 2006 um 23%.

Laut dem Hauptamt für Statistik stieg die verkaufte Produktion der Bauwirtschaft im 1. Halbjahr 2006 um 9,2% auf rund 17,0 Mrd. Zl (ohne Kleinbetriebe). Davon entfielen etwa 14,1 Mrd. Zl auf Hoch-, Tief- und Wasserbauprojekte (+8,2%) sowie 2,2 Mrd. Zl auf Bauinstallationen (+11,1%). Experten erwarten eine weitere BeschIeunigung des Wachstums der Bauwirtschaft. Auch die polnischen Baufirmen zeigten sich im August 2006 laut einer Umfrage des GUS optimistisch: 42% von ihnen erwarten eine Belebung der Konjunktur, dagegen rechnen lediglich 5% mit einer Verschlechterung. Auftragseingang sowie Beschäftigung steigen, mit wachsenden Preisen für Bauleistungen ist zu rechnen. Es macht sich bereits ein Fachkräftemangel bemerkbar.

Der Wert der von Firmen ab zehn Mitarbeitern erbrachten Bauleistungen blieb laut GUS im Jahr 2005 zwar mit insgesamt 42,8 Mrd. Zl unter den Erwartungen, soll aber 2006 dafür umso stärker steigen. Von den Zuwächsen sind alle Segmente der Baubranche betroffen. Am deutlichsten werden sie jedoch im Nichtwohnungsbereich ausfallen, wo weitere Infrastruktur-, Umweltschutz- und Industrieprojekte anstehen. Positiv auf die Bautätigkeit auswirken wird sich auch die vorgesehene Rückerstattung der Mehrwertsteuer für Baumaterialien ab 2006 und der Zufluss von EU-Mitteln.

Hinzu kommt ein steigendes Interesse an Wohnungsbaukrediten. Das Institut zur Erforschung der Marktwirtschaft (IBnGR) schätzt den Wert der 2005 erteilten Wohnungsbaukredite auf 50,4 Mrd. Zl. In den ersten fünf Monaten 2006 wurden nach Angaben des Polnischen Bankenverbandes, Zwiazek Bankow Polskich, rund 99.000 Wohnungsbaukredite erteilt; das entspricht einer Steigerung um 46% gegenüber Januar bis Mai 2005. Die Kredite hatten einen Durchschnittswert von 140.000 Zl. Bauentwicklungsfirmen (Developer) nahmen gleichzeitig bei Banken Kredite in Höhe von etwa 900 Mill. Zl auf (+59%).

Wohnungsbaukredite erfreuen sich bereits seit 2003 zunehmender Beliebtheit; ihr durchschnittlicher Zinssatz liegt laut Deutsche Bank Polska bei 5,3%. Dennoch sind sie in Polen weiter relativ schwach verbreitet; der Gesamtwert dieser Kredite entspricht lediglich 4,5% des BIP (Spanien: 39%). Über 70% der Wohnungsbaukredite wurden bislang in Fremdwährungen erteilt, vor allem in Schweizer Franken. Die Bankenaufsicht führte allerdings mit Wirkung vom 1.7.06 Beschränkungen für die Vergabe von Fremdwährungskrediten ein. Die Kreditwürdigkeit der Kunden wird nun auf Zloty-Basis festgestellt. Außerdem legen die Banken bei ihren Berechnungen einen um 20% erhöhten Kreditbetrag zu Grunde. Am 20.2.06 trat ein Antiwuchergesetz in Kraft, das die Zinshöhe begrenzt.

Die polnische Regierung will das Wohneigentum fördern. Von 2006 bis 2008 sollen 315.000 Wohnungen gebaut werden. Bauminister Antoni Jaszczak hält es für eine realistische Vorgabe, bis 2013 insgesamt rund 3 Mill. neue Einheiten zu bauen. Ein Gesetzentwurf sieht vor, dass Familien beziehungsweise Alleinerziehende eine Erstattung von 50% der Hypothekenzinsen erhalten, wenn sie auf dem Erstmarkt eine Wohnung mit maximal 75 qm Fläche kaufen.

Privatpersonen entrichten noch bis Ende 2007 einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7% auf Bauleistungen und Wohnungskäufe. Nun bemüht sich das Finanzministerium um eine Definition des sozialen Wohnungsbaus, damit die EU-Kommission ihm die Beibehaltung dieses Satzes auch ab 2008 erlaubt.

Auch ausländische Unternehmen profitieren von dem Aufschwung in der Baubranche. Developer errichten weitere Wohnungen des gehobenen Standards, um sie zu vermieten oder zu verkaufen. Deutsches Know how, Ausrüstungen und Baubedarf sind gerade bei technisch komplizierteren oder aufwendigeren Vorhaben gefragt. Auch an dem allmählich in Gang kommenden Autobahnbau beteiligen sich deutsche Firmen. Daneben werden die Flughäfen ausgebaut. Besonders große Summen fließen in den kommenden Jahren in Kanalisation und Kläranlagen.

Von den internationalen Baukonzernen sind zum Beispiel Strabag und Hochtief sowie die schwedische Skanska-Gesellschaft in Polen stark engagiert. Da das Land eine starke eigene Bauwirtschaft hat, bleiben den ausländischen Konzernen eher Nischenprojekte, für die eine besondere Technologie oder ein spezielles Know how benötigt wird. Über diese Fachkompetenz verfügt Polen im Bereich der Wasserwirtschaft mit seinen Hydrobudowa- und anderen Unternehmen in starkem Maße selbst.

Unter den polnischen Baufirmen dominieren kleine Unternehmen, was ihre große Zahl erklärt. Tatsächlich aktiv waren aber laut GUS 2004 lediglich 162.060 (neueste Angabe). Davon hatten die allermeisten weniger als 20 Mitarbeiter (158.285). Weitere 2.383 beschäftigten 20 bis 49 Personen, 826 Firmen hatten 50 bis 99 Mitarbeiter, 524 Firmen 100 bis 499 Mitarbeiter und 42 Firmen mindestens 500 Mitarbeiter.

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