Beschäftigungsbeitrag des Mittelstandes
Der Jobmotor kommt auf Touren

Großkonzerne rationalisieren und verlagern Jobs in Billiglohnländer. Der Mittelstand schafft Arbeitsplätze. Diese landläufige Meinung bestimmt nicht nur öffentliche Diskussionen, sondern entfacht auch hitzige wirtschaftspolitische Debatten. Dabei trifft die weit verbreitete Annahme von der Jobmaschine Mittelstand vollkommen zu.

TÜBINGEN. Das Jahr 2006 war insgesamt seit längerem das erfreulichste für den Arbeitsmarkt. Um netto 442 000 Stellen stieg die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Deutschland. Dies geht aus der Kurzexpertise „Beschäftigungsbeitrag des Mittelstandes – Ergebnisse der Sonderauswertung der Beschäftigungsstatistik“ des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn von Ende Oktober hervor. Demzufolge seien 80 Prozent des Beschäftigungsanstiegs kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) zuzuschreiben.

Damit stützt Frank Wallau, kommissarischer Geschäftsführer des IfM, die weit verbreitete Annahme von der Jobmaschine Mittelstand. „KMUs wachsen nicht nur im aktuellen Beschäftigungsmarkt schneller. Sie haben auch in der Vergangenheit in schrumpfenden Märkten überproportional weniger abgebaut“, bestätigt der Professor für Mittelstandspolitik an der Fachhochschule der Wirtschaft in Paderborn. In den vergangenen drei Jahren stieg der Anteil der mittelständischen Unternehmen an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 0,5 auf 65,9 Prozent. Finden bei diesen Zahlen noch die etwa vier Millionen Selbständige von KMUs Eingang, so erhöht sich dieser Anteil auf knapp 71 Prozent.

Nicht in allen Branchen schlug sich der Aufschwung in einer steigenden Anzahl von Beschäftigten nieder. Über die Hälfte der neu geschaffenen Stellen, also etwa 250 000, entfielen auf den Wirtschaftszweig der unternehmensnahen Dienstleistungen. In den beiden beschäftigungsstärksten Wirtschaftsbereichen Verarbeitendes Gewerbe und Handel entstanden ebenfalls neue Stellen. Allerdings haben laut IfM Großbetriebe hier Arbeitsplätze abgebaut, während bei KMUs 38 000 im Verarbeitenden Gewerbe und 23 000 im Handel hinzukamen. Zweifel daran, dass große Unternehmen vor allem Stellen abbauen, kleine jedoch welche schaffen, äußert Joachim Wagner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Lüneburg, in seinem Arbeitspapier „Jobmotor Mittelstand?“. Seine Untersuchung zeige, dass eine Auswertung von Längsschnittdaten für Betriebe diese einfache Sichtweise nicht begründen könne.

Wachsende und schrumpfende, neu gegründete und geschlossene Betriebe seien in jeweils erheblichem Umfang in jedem Jahr in allen Größenklassen anzutreffen. Laut Wagner lassen sich wirtschaftspolitische Maßnahmen mit einer spezifischen Ausrichtung auf bestimmte Firmengrößen nicht mit einem besonders ausgeprägten Beschäftigungsbeitrag dieser Unternehmen rechtfertigen.

Unabhängig davon herrscht bei allen Unternehmensgrößen Einigkeit darüber, dass der Arbeitsmarkt noch stärker wachsen könnte. Eines der Haupthindernisse dafür stellte die Bundesregierung Ende des vergangenen Monats in ihrem „Jahresbericht zum Bürokratieabbau“ vor. Damit will sie die gegenwärtige Bürokratiebelastung bis 2011 um ein Viertel reduzieren. In einem ersten Schritt sollen die rund 50 kostenaufwendigsten Informationspflichten auf den Prüfstand kommen. Sie alleine sollen rund 80 Prozent der gesamten Bürokratiekosten von etwa 40 Mrd. Euro für die Wirtschaft in Deutschland verursachen. Ihr Abbau wäre der wahrscheinlich größte Beschäftigungsturbo in den kommenden Jahren.

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