Bilanzstandards IFRS
Der Mittelstand begehrt auf

Im deutschen Mittelstand formiert sich Widerstand gegen internationale Bilanzregeln. Beinahe täglich schließen sich neue Unternehmen den bislang zwölf Rebellen an. Dabei treffen sie auf ein Interessengeflecht aus Konzernen, Banken und Wirtschaftsprüfern.

Die Herrschaften mögen es bei ihren intimen Zusammenkünften gediegen. Gern treffen sie sich in der altehrwürdigen Painters’ Hall in der Londoner Little Trinity Lane unweit der St. Paul’s Kathedrale. Was sie sich dort in den prachtvoll erhaltenen Sälen unter königlichen Ölporträts aus dem späten 17. Jahrhundert bei Earl-Grey-Tee und Keksen zuraunen, hat Gewicht, die zwölf Männer und zwei Frauen formen eines der einflussreichsten Gremien der globalen Wirtschaft: Denn sie sind die Vertreter des International Accounting Standards Boards, kurz IASB – und legen die Regeln fest, nach denen Unternehmen weltweit ihre Bilanzen erstellen.

Änderungen an den Bilanzstandards IFRS, die die elitäre 14er-Runde bei ihren Londoner Treffen diskutiert, reichen in die Zahlenwerke von Millionen Unternehmen in mehr als 90 Ländern hinein. Und an Änderungen mangelt es nicht: Im Monatstakt prasseln Vorschläge, Erlasse und Diskussionspapiere auf Buchhalter und Finanzchefs, Aktionäre, Gesellschafter, Gläubiger, Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter von Unternehmen rund um den Globus ein. Dann verwandeln sich über Nacht Gewinne in Verluste, Eigenkapital taucht mit einem Mal in den Bilanzen als Schuldposten auf. Oft stellen neue Regeln ganze Bilanzen auf den Kopf. Und das, ohne dass sich die wirtschaftliche Realität der einzelnen Unternehmen verändert hätte.

Nun formiert sich Widerstand gegen die Regelungswut. Vor allem in Deutschland hagelt es Protest: Die Bestimmungen der International Financial Reporting Standards, die sich hinter dem Kürzel IFRS verbergen, seien für den Mittelstand „völlig inakzeptabel“, wettert Andreas Möhlenkamp, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung in Düsseldorf. Zwölf führende deutsche Familiengesellschaften mit insgesamt 120 Milliarden Euro Jahresumsatz und 470 000 Mitarbeitern haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen, um dem Londoner Bilanzgremium die Stirn zu bieten und sich gegen die allgemeine Einführung der IFRS zu wehren.

Darunter bekannte Namen wie Bertelsmann, Würth oder die Holtzbrinck-Gruppe, die unter anderem die WirtschaftsWoche verlegt. „Wir wollen uns stärker in die Entscheidungen des IASB einbringen“, sagt Frank Reuther, Leiter Konzernrechnungswesen der badischen Freudenberg-Gruppe und Vorsitzender der Initiative, die sich den sperrigen Namen „Vereinigung zur Mitwirkung an der Entwicklung des Bilanzrechts für Familiengesellschaften“ gegeben hat. Doch die Initiative trifft auf mächtige Gegner, eine breite Phalanx aus börsennotierten Unternehmen, Investmentbanken, Ratingagenturen und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – darunter die Konzerne RWE und Pfizer, die Deutsche Bank und Goldman Sachs, Standard & Poor’s und die Wirtschaftsprüfer von KPMG. Sie gehören zu den 135 Sponsoren der 14er-Runde des IASB.

Expertenrunde ohne politische Legitimation

Das Kuriose: Eine private Organisation diktiert die Regeln, die für die Finanzwelt praktisch Gesetzescharakter haben. Ganz so, als wenn die Allianz als größter privater Krankenversicherer die Beitragssätze der in Deutschland gesetzlich Versicherten festlegen würde. „Die Erarbeitung der Bilanz-Standards darf nicht einer Expertenrunde in London überlassen werden, die ohne politische Legitimation tätig ist“, kritisiert Dietrich Hoppenstedt, bis Ende April Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes in Berlin. Doch solche Forderungen verhallen ungehört, schließlich tragen nicht Sparkassen oder Mittelstand die Kosten des IASB, sondern eben private Unternehmen der Finanzwelt. Je nach Engagement fließen jährlich 100 000 Dollar bis eine Million Dollar pro Sponsor nach London. Grund für das finanzielle Engagement sind wirtschaftliche Interessen. Denn ohne die Neufassung wichtiger Bilanzregeln sähe die Gewinnsituation vieler großer Unternehmen und die Einnahmesituation der wichtigsten Investmentbanken in diesem Jahr völlig anders aus: nämlich schlechter.

Hintergrund dafür ist, dass auf Druck amerikanischer Unternehmen die Bilanzgremien in den USA vor fünf Jahren eine weit reichende Änderung beschlossen: Unternehmen sollten nach Übernahmen und Fusionen nicht mehr gezwungen sein, regelmäßig gewinnmindernd Abschreibungen auf den Firmenwert vorzunehmen. 2003 wurde diese Regelung auch in die Bilanzregeln des IFRS übernommen. Das Resultat der neuen Regelung: Im Durchschnitt ließen sich damit die Unternehmensgewinne Jahr für Jahr um etwa ein Drittel schönen. „Die Aktienmärkte unterliegen seither einer Gewinnillusion“, sagt Tammo Greetfeld, Aktienstratege der HypoVereinsbank.

Die Folge der neuen Regeln, die Abschreibungen nur noch in Ausnahmefällen zulassen: Die Gewinne aller US-Unternehmen (ohne Banken) schnellten von 322 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2001 bis 2005 auf 868,5 Milliarden Dollar nach oben – trotz zwischenzeitlicher Rezession. Die 100 größten amerikanischen Unternehmen verdreifachten gar ihre Gewinne. Zum Vergleich: In der wirtschaftlich prosperierenden Phase zwischen 1995 und 2000 legten die Gewinne nur um drei Prozent auf 413,4 Milliarden Dollar zu.

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