Biotechnologie
„Branche wird erwachsen“

Die Branche ist ihren Kinderschuhen entwachsen: Dr. Julia Schüler, Biotech-Analystin bei Ernst & Young, äußert sich im Handelsblatt-Interview zu den Zukunftsaussichten der deutschen Biotechnologie. Vor allem die rote Biotechnologie ist besonders präsent.

Handelsblatt: Frau Schüler, die Biotechnologie wird gerne als Zukunftstechnologie bezeichnet. Was hat sie denn in der Gegenwart zu bieten?

Julia Schüler: Eine ganze Reihe biotechnologischer Verfahren ist schon seit Jahren in der Anwendung: Denken Sie nur an Enzyme in Waschmitteln, die bei der Wäsche Schmutzpartikel spalten, oder an die biotechnologische Herstellung von Cortison. Die Forschung eröffnet ständig neue Anwendungsgebiete, vor allem in der chemischen und der pharmazeutischen Industrie, in der Landwirtschaft, der Energieerzeugung aus Biomasse und in der Medizin. In diesen Branchen ist die Biotechnologie einer der wichtigsten Innovationsmotoren.

Auf welchem Niveau bewegt sich die deutsche Biotech-Industrie?

Sie betreibt Spitzenforschung, die sich weltweit sehen lassen kann. Und sie hat mit einigen Produkten die Marktreife erlangt und sich fundierte Wertschöpfungsquellen erschlossen. Die Euphorie, die zur Jahrtausendwende herrschte, ist einer zunehmend gereiften Professionalität gewichen. Die Branche ist gewissermaßen auf dem Weg zum Erwachsenwerden - auch deshalb, weil sie sich als zuverlässiger Partner für etablierte Industriezweige unter Beweis stellen muss. Allerdings haben US-amerikanische Firmen einen deutlichen Vorsprung, denn dort hat die moderne biotechnologische Forschung und Vermarktung einige Jahre früher begonnen.

Weiß, rot oder grün: Welche Farbe dominiert in der hiesigen Biotech-Landschaft?

Nach der Zahl der Anwendungen, die Marktreife erlangt haben, führt die weiße Biotechnologie: BASF stellt das Vitamin B12 mit biotechnologischen Methoden her, Bayer das Antidiabetikum Arcabose, Südzucker den Zuckeraustauschstoff Isomalt, Evonik Industries verschiedene Aminosäuren. Deutschland hat europaweit die meisten Firmen in der industriellen Biotechnologie, und die meisten davon sind klein oder mittelständisch. Die grüne Biotechnologie fristet eher ein Schattendasein, da die Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber gentechnischen Verfahren sehr groß sind. Bleibt die rote Biotech, und hier herrscht in der Tat die größte Dynamik. 80 bis 90 Prozent der deutschen Biotech-Unternehmen arbeiten an neuen Medikamenten, Geweben und Diagnostika, bieten Dienstleistungen und Werkzeuge in diesem Bereich an oder betreiben Forschung.

Davon ist in der Apotheke und im Krankenhaus allerdings noch nicht viel zu sehen...

Neue Medikamente müssen lange, kostspielige Studienphasen durchlaufen, bis sie von der Arzneimittelbehörde zugelassen werden. Das dauert rund zehn bis zwölf Jahre - so lange existieren die meisten deutschen Biotech-Unternehmen noch gar nicht. Mehrere neue Wirkstoffe sind vor kurzem zugelassen worden, stehen kurz davor oder gehen demnächst in die Registrierungsphase. Besonders erfolgreich sind therapeutische Antikörper - Firmen, die hier geforscht haben, sind momentan von besonderem Interesse für Pharmakonzerne, die auf Firmenkäufe aus sind. Hier wird es in den nächsten Jahren noch zu einigen Übernahmen und Allianzen kommen.

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