Brettspiel „€uro Crisis“ im Test
Wie wir Europa an den Abgrund drängten

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Griechische Inseln bringen fette Punkte

Durch den Schuldenschnitt werden die Staatsanleihen wertlos, und vor allem Sara und ich verlieren sehr viel Kapital – Alex zwar auch, aber nicht so viel. Unser Konkurrent grinst schelmisch. So ist das eben: Wer „Finanzkrise“ gewinnen will, darf sich keine Freunde machen, sondern muss wie ein knallharter Kapitalist denken. Deswegen habe ich auch einen Aufstand in Frankreich unterstützt und so das Volk ihren Eiffelturm zurückerobern lassen. Er hat ja nicht mir, sondern Sara gehört.

Als Revanche rüstet sie später in Griechenland die Rebellen auf und ich verliere die Akropolis. Zwar kann ich mir das Wahrzeichen im nächsten Zug zurückkaufen, aber eigentlich hatte ich es schon auf die gesamten Inseln des Landes abgesehen – die bringen fette Punkte.

Nach drei Spiel-Jahren ist eine Partie spätestens zu Ende, und dann zählt vor allem, wer am meisten Staatseigentum privatisiert hat; der Besitz von Einkommen, Waffen und Gold bringt deutlich weniger. Zwar hat Sara mit ihrer Birmingham Bank of Capitalism ordentlich eingekauft – ihr gehört unter anderem der spanische Stierkampf und das französische Bildungssystem – doch hat sie nicht auf Spaniens Schuldenstand geachtet: Am Ende jedes Jahres erhöht sich dieser automatisch, so auch im letzten Jahr, und schwupps, rutscht auch Spanien in den Staatsbankrott und Sara verliert eine Menge Anleihen – so viele, dass sie ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, selbst pleitegeht und damit aus dem Spiel ausscheidet. Ich reibe mir die Hände. Eine Konkurrentin weniger.

Alex mit seiner Cuban Fidelio gerät zwar durch den spanischen Bankrott auch in Bedrängnis, ist aber noch im Plus. Allerdings hat er nur wenig Staatseigentum privatisiert, da war ich mit meiner Sparkasse Harburg-Buxtehude deutlich aggressiver. So gewinne ich das Spiel dank meines skrupellosen Umgangs mit der griechischen Bevölkerung und meiner Gier nach Staatseigentum und darf mich nun „Beste €uro Crisis Zockerbank“ nennen.

Der Verlierer hingegen “ist für die Aufräumarbeiten nach der Krise zuständig”, heißt es in der Anleitung, und Sara wird folgerichtig dazu verdonnert, das Spiel alleine zusammenzupacken. Wir helfen ihr trotzdem dabei. So richtig knallharte Kapitalisten sind wir wohl doch nicht geworden. Aber um Frankreich und Spanien in die Pleite zu treiben, hat es noch gereicht. Zynisch waren wir schon vorher.

Steffen Daniel Meyer
Steffen Daniel Meyer
Handelsblatt Online / Social-Media-Redakteur

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