Brettspiel „€uro Crisis“ im Test
Wie wir Europa an den Abgrund drängten

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Wer braucht schon Demokratie, wenn er Panzer hat?

Ich spiele die Karte „Rom“ und schmeiße eine Bunga-Bunga-Party für die Koalition aus Kommunisten und Sozialdemokraten in Frankreich. Ich stecke den Kommunisten zwei Millionen Euro zu und lasse sie zwei Reformen durchdrücken: Sara und Alex, die bereits Staatseigentum von Frankreich privatisiert haben, müssen deswegen Geld an den Staat abdrücken. Sehr schön. Allerdings verschlechtert sich mit der radikal-linken Politik auch Frankreichs Rating; das Land rückt dem Bankrott und damit einem Schuldenschnitt näher. Auch mir gehört eine französische Anleihe, die wäre dann futsch. Nicht so schön.

Wegen des höheren Risikos eines Staatsbankrotts steigen aber auch die Zinsen für neue Anleihen der Grande Nation. Im nächsten Quartal spiele ich deshalb „London“ aus, hole mir drei hochverzinste Staatsanleihen von Frankreich und liege mit meinem Einkommen nun weit vor meinen Rivalen. So kann es gehen: Da profitiert der gewiefte Kapitalist vom Kommunismus.

Spätestens jetzt sollte deutlich sein: Das Spiel ist nicht ernst gemeint. Es ist keine Simulation der Euro-Krise, sondern eine Karikatur. Finanzredakteurin Sara muss damit erst einmal klar kommen: Im Spiel halten Banken Anleihen jahrelang und dürfen sie nicht weiterverkaufen („Normalerweise handeln Banken die Anleihen – und deshalb sind nicht nur Zinsen, sondern auch der Kurs der Anleihen entscheidend“), bei der EZB muss man keine Sicherheiten hinterlegen („Das wäre ja schön, wenn das so wäre“), ein Staatsbankrott, der sich abzeichnet, kann nicht mehr aufgehalten werden („Es müsste doch zumindest Notkredite oder so was geben“). Agenda-Redakteur Alex geht das Ganze pragmatisch an: Er achtet nicht auf die realitätsgetreue Abbildung, sondern nutzt alle erdenklichen im Spiel vorhandenen Möglichkeiten, um mich kräftig in Griechenland zu ärgern.

Hier habe ich zuvor eine liberal-konservative Koalition geschaffen, um meine Staatsanleihen zu schützen und, äh klar, natürlich auch um das Land stabil zu halten. Alex bringt jedoch die Kommunisten ins Parlament, indem er die „Brüssel“-Karte ausspielt (eine Anlehnung an den als Hintertür-Deal kritisierten Regierungswechsel von Silvio Berlusconi und Mario Monti in Italien). Die neue Regierung ist eine Gefahr fürs Rating und für mich. Ich tue es Alex gleich und ändere mit „Brüssel“ die Koalitionspartner erneut.

Doch die zwei undemokratischen Regierungswechsel innerhalb eines Jahres stoßen dem Volk sauer auf und es greift zu den Waffen: Die Menschen wollen sich die privatisierten Häfen und die mittlerweile auch privatisierte Akropolis zurückholen. Um genau zu sein: Meine privatisierten Häfen und meine privatisierte Akropolis! Gut, dass ich zuvor in Moskau ein paar Waffen eingekauft habe. Damit schlage ich den Aufstand schnell nieder. Wer braucht schon Demokratie, wenn er Panzer hat?

Kaum ist die Gefahr missmutiger Griechen gebannt, spielt Alex die Karte „Rom“ und lässt die französischen Sozialdemokraten das Land reformieren. Dadurch steigt die Zufriedenheit im Volk, aber auch der Schuldenstand – sogar so weit, dass Frankreich pleitegeht. Ja richtig, noch vor Spanien und noch vor Griechenland muss Frankreich seinen Staatsbankrott anmelden. Wir schreiben eben unsere eigene Geschichte – wobei einige das bestimmt gar nicht so unrealistisch finden .

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