Chancen für Investoren
Indien muss Infrastruktur kräftig ausbauen

Eine gute Infrastruktur gilt nicht umsonst als Voraussetzung für eine florierende Wirtschaft. Indien steht in dieser Hinsicht vor Problemen – Probleme, die auch deutsche Unternehmen vor Ort betreffen. Die Inder selbst sehen das Hindernis nun als eine offene Tür für Investoren.

BERLIN. Die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen erleben einen Aufschwung. In beide Richtungen fließen immer stärkere Investitions- und Handelsströme und selbst hartnäckige Probleme werden zu Chancen umgedeutet. „Infrastrukturengpässe hindern unser Land daran, sein Wachstumspotenzial voll zu entfalten“, gab Indiens Botschafterin Meera Shankar auf der dritten Handelsblatt-Indien-Tagung in Berlin zu. „Doch angesichts der deutschen Stärken in diesem Bereich eröffnet sich für Firmen Ihres Landes zugleich ein riesiger Markt.“ Indien beziffert seinen Bedarf an Infrastrukturinvestitionen auf 330 Mrd. Dollar in den nächsten fünf Jahren. 40 Prozent davon sollen privat finanziert werden. Ein Beispiel für Großprojekte mit ausländischer Beteiligung ist ein 90 Mrd. Dollar teurer Industrie-Korridor zwischen Delhi und Bombay, der mit japanischer Hilfe auf den Weg gebracht wird.

Doch Bernd Mützelburg dämpfte Hoffnungen auf ähnliche Projekte unter deutscher Führung: „Ich sehe mit großem Neid, was die Japaner in Indien auf die Beine stellen“, erklärte der dortige deutsche Botschafter. Aber es gebe auf deutscher Seite keine öffentlichen Mittel für solche Projekte.

Allerdings haben sich für Mützelburg selbst im Infrastruktursektor die Rahmenbedingungen so stark verbessert, dass Privatfirmen dort nun gewinnbringend investieren könnten. Chancen sehen Experten wie Akshay Jaitly vor allem beim Hafen- und Flughafenbau und bei erneuerbaren Energien. „Anders als etwa Kohlekraftwerke profitieren Windfarmen in Indien von einem günstigen Regulierungsrahmen, der sie hoch profitabel macht“, meint der Partner der Kanzlei Trilegal. Auch bei Biomasse, Müllverstromung und Wasserkraft sieht er Potenzial.

Indiens Energieverbrauch soll sich bis 2030 verfünffachen. Energie- und Umweltthemen werden daher neben Vertiefung der Forschungskooperation und Sicherheitsfragen beim im Oktober anstehenden Indien-Besuch von Kanzlerin Angela Merkel eine zentrale Rolle spielen. Ihre dreitägige Reise unterstreicht, dass die deutsche Außenpolitik die Führungsmacht des Subkontinents nicht länger stiefmütterlich behandelt. „Es gibt wenige Länder auf der Welt, mit denen wir mehr Interessen und Werte teilen“, betonte Mützelburg. Das mache Indien zum „strategischen Partner erster Wahl“.

Mehr noch als politische Stabilität lockt Investoren Indiens boomender Binnenmarkt. „In den nächsten fünf Jahren wird sich die Zahl der Mittelschicht-Haushalte auf 100 Millionen verdoppeln“, prophezeit der Europa-Chef der ICICI Bank, Sonjoy Chatterjee. Mit Blick auf diese Entwicklung haben sich die Direktinvestitionen in den vergangenen drei Jahren auf 15 Mrd. Dollar bereits verdreifacht.

Zugleich setzt ein Gegentrend ein: Dieses Jahr dürften aufstrebende indische Firmen erstmals mehr Kapital im Ausland investieren, als in ihr Land hineinströmt. In Großbritannien hat Indien bereits Japan als zweitgrößten Investor abgelöst. Dass auch Deutschland ins Visier rückt, zeigen etwa die großen Zukäufe des Petrochemieriesen Reliance oder des Windkraft-Anbieters Suzlon.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%